Nun also auch Kanada: Nach langwierigen innenpolitischen Querelen hat sich das nordamerikanische Land kürzlich bei der seit 2010 andauernden Nachfolge-Diskussionen rund um seine 75 alten CF-18A Hornet-Kampfflugzeuge für F-35-Jets von Lockheed Martin entschieden.

@Channel 4 News
Premier Trudeau war während seines Wahlkampfs aktiv gegen den F-35 aufgetreten, letztlich entschied sich seine Regierung bei einer Neuauflage des Vergabeverfahrens aber wieder für den US-Kampfjet.

Im Rahmen der bedeutendste Investition der Royal Canadian Air Force (RCAF) in den vergangenen mehr als 30 Jahren sollen ab 2025 letztlich 88 Stück des F-35 zulaufen, der ebenfalls zur Auswahl gestandene Gripen-E von Saab hat das Nachsehen. Ein dritter Anwärter, Boeings F/A-18E/F Super Hornet Block III, schied schon im vergangenen Dezember aus dem sogenannten „Future Fighter Capability Project” (FFCP) aus. Zwei weitere europäische Anwärter, die Hersteller von Eurofighter Typhoon und Dassault Rafále, verließen beide den Wettbewerb noch bevor er begonnen hatte, weil aus ihrer Sicht der Prozess US-Unternehmen unfair begünstigte.

An „Phantom-Flugzeug” schon lange beteiligt
Schon im Jahr 2010 hatte die konservative Regierung des damaligen Premierministers Stephen Harper angekündigt, 65 Stück des F-35A kaufen zu wollen – die Entscheidung wurde allerdings ohne eine formelle Bewertung der Konkurrenten getroffen. Fünf Jahre später wurde dieser Entscheid dann nach einem Wahlversprechen der neuen linksliberalen Regierung von Justin Trudeau wieder storniert. Trudeau verlautete damals: „Die Kanadier wissen sehr wohl, dass die Konservativen zehn Jahre lang den Anschluss völlig verpasst haben, als es darum ging, den Streitkräften die Ausrüstung zu liefern, die sie brauchen. Sie klammerten sich an ein Phantom-Flugzeug, das nicht funktioniert und weit davon entfernt ist, zu funktionieren.”

@Georg Mader
Aktuell bilden CF-18A Hornet das Rückgrat der kanadischen Luftstreitkräfte. Im Bild zu sehen eine Maschine mit Sonderbemalung anlässlich von 60 Jahre NORAD.

Er hätte vielleicht zuvor mit seiner Industrie sprechen sollen. Denn Kanada hatte bereits 1997 begonnen, als Level-3-Industriepartner in das F-35-Programm einzuzahlen. Tatsächlich beliefen sich die kanadischen Investitionen in den Joint Strike Fighter zwischen 1997 und 2021 auf 613 Millionen US-Dollar (rund 590 Millionen Euro) und die Luft-, Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie des Landes war schon damals stark in die globale Lieferkette des F-35 eingebunden – und ist es auch heute noch. Wegen dieser Verflechtung kam der neuerliche Entscheid für den F-35 für Experten und Beobacher wenig überraschend. Dazu hat aber sicherlich auch die gemeinsam mit den USA getragene Luftverteidigung ganz Nordamerikas (im sogenannten NORAD-Command sitzen stets auch kanadische Offiziere) und die Erfüllung verschiedener anderer NATO-Verpflichtungen Kanadas beigetragen.

Aber seit dem Erstentscheid waren fast zehn Jahre vergangen, die alten CF-18 zeigten Materialermüdung und Risse und so wurden jenen Hornets der ersten Generation seit 2019 noch 18 ehemalige und ebenso alte F/A-18A/B der Royal Australian Air Force (RAAF) hinzugefügt, um die Flotte zu dehnen. Nun sagt Ottawa in der Erklärung von Anita Anand, Kanadas Ministerin für nationale Verteidigung, es habe den Joint Strike Fighter „nach einer rigorosen Bewertung der Vorschläge in einem offenen, fairen und wettbewerbsorientierten Prozess ausgewählt, in dem die relativen Fähigkeiten, Kosten sowie wirtschaftlichen Nutzen und Auswirkungen gewichtet wurden”. Man werde nun „in die Finalisierungsphase des Beschaffungsprozesses eintreten”.

@RCAF
Kanada überbrückt auch mit einigen gebrauchten australischen F-18 die Zeit bis zum Zulauf der F-35-Maschinen.

Wieder bitter für Saab
Weiters hieß es: „Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die derzeitigen und zukünftigen Piloten der RCAF über die fortschrittlichste verfügbare Ausrüstung verfügen, um sicherzustellen, dass sie in den kommenden Jahrzehnten die wichtige Arbeit leisten können, die wir von ihnen verlangen. Kanada bewertete diese Flugzeuge anhand typischer Szenarien, die den NATO- und NORAD-Verbündeten vertraut sind, und die weiter auf die Bedürfnisse der RCAF zugeschnitten waren, einschließlich Kanadas einzigartiger nördlicher Geographie bezüglich der Souveränität in der Arktis.”

Der letzte Satz impliziert auch, dass der F-35 – neben dem Stealth-Faktor der 5. Generation – offenbar als für den Kaltwetterdienst ebenso geeinget eingestuft wurde wie der Gripen. Das ist sicherlich ein Rückschlag für Saab, der schwedische Hersteller hebt in Bewerbungen schließlich seit Jahren insbesondere die Eignung seiner Jets für strenge Operationen im hohen Norden Europas hervor. Die Tatsache, dass aber der F-35 sowohl von Norwegen (bereits im Dienst) als jüngst auch von Finnland ausgewählt wurde, deutet jedoch darauf hin, dass die Betreiber das Flugzeug auch unter diesen rauen Bedingungen für kompetent halten. Auch in der ebenfalls den F-35 selektierenden Schweiz (24 von deren 36 geplanten Maschinen sollen übrigens in Italien montiert werden) herrschen zumindest im Winter ähnliche Konditionen.

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Zwei Basen
Die RCAF hat zeitgleich erläutert, dass zwei Hauptbetriebsbasen für den Jäger der nächsten Generation vorbereitet werden. Dies sind das 4. Geschwader in Cold Lake/Alberta und das 3. Geschwader in Bagotville/Quebec. In den vergangenen zwei Jahren hat Cold Lake bereits rund sieben Millionen Euro für die Planung neuer Betriebsanlagen erhalten und in Bagotville wurden rund neun Millionen Euro für ähnliche Auf- und Umbauarbeiten investiert. Die gesamten Ausgaben Kanadas im Rahmen seines „Future Fighter Capability Projects” dürften sich auf 11,5 bis 14,5 Milliarden Euro belaufen. Die gelieferten Maschinen dürften dann vom neuesten „Block 4”-Standard sein und – wie auch das Schweizer VBS behauptet – niedrigere Stückkosten haben als ihre Vorgänger. Es besteht darüber hinaus aber auch die Möglichkeit, dass die kanadischen Jets die ersten der F-35A-Versionen sein werden, welche Betankungssonden auch in jener Konfiguration erhalten, die sie mit Schlauchtrommel/Korb-Tankersystemen kompatibel macht.

Alle Beschaffungen gewonnen
Wenn man hier auch einen wohl extrem langen Atem gebraucht hat, ist es jedoch ein weiterer großer Gewinn für Lockheed-Martins F-35, der als Exportprodukt immer stärker wird. Neben der jüngsten Ankündigung (mehr ist es noch nicht) Deutschlands, F-35As als nächsten Träger seiner „nuklearen Teilhabe” zu beschaffen, hat der Lightning-II jeden Beschaffungsprozess gewonnen, in den er eingetreten ist. All dies trägt auch kostenseitig zu einer größeren Nutzerbasis bei und bringt Interoperabilitätsvorteile für einen wachsenden Pool von NATO-Betreibern.

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Quelle@Channel 4 News, Lockheed Martin
Der Autor ist einer der renommiertesten österreichischen Luftfahrtjournalisten, Korrespondent des britischen Jane’s Defence und schreibt seit vielen Jahren für Militär Aktuell.