Open Source INTelligence ist ein Begriff aus der Welt der Nachrichtendienste und des Militärisches Nachrichtenwesen und beschreibt den Prozess der Informationsgewinnung aus frei verfügbaren, offenen Quellen. Im Zeitalter von Handy und Internet liefern beispielsweise auch Social Media eine Vielzahl an Informationen, Bildern und Videos vom Geschehen auf der Welt – im konkreten Fall auch vom Kriegsgeschehen in der Ukraine. Allerdings: Natürlich können diese OSINT-Kanäle auch für eigene Zwecke genutzt und missbraucht werden.

Sehr üblich sind beispielsweise Fake-Videos von Privatpersonen, die Klicks auf ihre Social Media Kanäle generieren wollen. Obwohl technisch relativ gut gemacht, sind doch Unterschiede erkennbar – diese Kanäle werden damit vom OSINT Prozess ausgeschieden.

Eine weitere sehr häufig praktizierte Methode ist das Zusammenschneiden echter Videosequenzen um einen Sachverhalt zu generieren, der so nie stattgefunden hat. Das kann schon deutlich schwieriger zu verifizieren sein. Es hilft allerdings, wenn man viele einschlägige Videos gesehen hat und dann eventuell auf Bilder trifft, die schon einmal an anderer Stelle aufgetaucht sind.

Eine weitere gute OSINT Quelle sind ganz normale Medien. Bezeichnend war der Fall um einen russischen schweren 240 mm-Mörser der Type 2S4 Tyulpan (Tulpe) im Kampf um Severodonetsk. Das russische Fernsehen brachte einen nahezu live Bericht von dessen Fronteinsatz. Jemand auf ukrainischer Seite muss diesen Bericht gesehen und den Einsatzort identifiziert haben. Einen Tag nach dem TV-Bericht war die Tulpe jedenfalls zerstört.

Es gehört natürlich zum Tätigkeitsbereich der Nachrichtendienste das OSINT-Feld für ihre Zwecke zu beackern. Die Beeinflussung der öffentlichen Meinung als auch gezielte Desinformation zu diversen Sachverhalten finden permanent statt. Und manchmal kann die beste Quelle auch ein blutiger Amateur sein, der eigentlich gar nichts mit dem Thema am Hut hat und nur zum richtigen Zeitpunkt ein Foto oder Video von etwas, das ihm seltsam erscheint, im Netz teilt, ohne wirklich zu wissen was er da eigentlich vor der Linse hat.

@TwitterNun zum Schwarzen Meer: Am 16. Juni wurden in einem russischen Internetforum zwei Bilder eines russischen Kriegsschiffes gepostet, welches mittels Schubverband nordwärts transportiert wird. Die Bilder verbreiten sich in der Folge wie ein Lauffeuer in Telegram und Twitter und die auf Marinenews spezialisierten „Nerds” beginnen ihre Arbeit.

Die Schiffstype steht als erstes fest, es ist eine Korvette der Type Projekt 21631 Buyan-M. Die taktische Nummer ist übermalt, aber das Schiff ist anhand einzigartiger Markierungen für absolvierte Einsätze, die in Form von Wappen und Sternen unterhalb der Brücke zu sehen sind, sehr bald als die Velikiy Ustyug identifiziert. Die Schäden entlang des gesamten Rumpfes sind offensichtlich und könnten durch Splitterwirkung in Folge einer nahen Explosion herrühren.

Eigentlich der Flottille im Kaspischen Meer zugehörig, wurde das Schiff offensichtlich via Wolga-Don-Kanal ins Schwarze Meer transferiert und ist nur wieder zurück Richtung Reparaturwerft. Die verfügbaren Informationen zum Schiff geben folgende Auskunft über seine Flugabwehrbewaffnung: Sie besteht aus einem Starter der Type 3M47 mit 2×2 Lenkflugkörpern der Type 9K38 Igla (SA-18 Grouse). Schon im Zug der Gefechte um die Schlangeninsel Ende April/Anfang Mai wurde ersichtlich, dass MANPADS-basierte Kurzstrecken-Flugabwehr-Raketen nicht in der Lage sind, Angriffe der von der Ukraine genutzten TB-2 Bayraktar Drohne entgegen zu wirken.

Der Grund dafür ist sehr simpel: Die Raketen der aktuellen MANPADS-Technologie – unabhängig ob Ost oder West – fliegen nicht hoch und weit genug, um eine bewaffnete Drohne der MALE-Klasse (mittlere Höhen und lange Flugdauer) gefährden zu können. Die vom türkischen Hersteller Roketsan entwickelte UMTAS Luft-Boden-Rakete für die Bayraktar kann aus Höhen über 6.000 Meter und Entfernungen bis 8.000 Meter zum Einsatz gebracht werden. Das ist außerhalb des Leistungsspektrums jeder bekannten MANPADS Rakete.

Die russische Schwarzmeerflotte hat darauf reagiert. Schon seit Anfang Juni finden sich Fotos und Berichte, die TOR-Flugabwehr-Raketen-Systeme auf diversen russischen Schiffen zeigen.

Tests, bei welchen im Prinzip bodengestützte Flugabwehrsysteme auf Schiffen verzurrt werden um deren Flugabwehr-Kapazität zu verbessern, gab es in vielen Marinen, auch in der russischen. Es ist ohne scharfe Nahaufnahme nicht eindeutig zu verifizieren, um welche Type der TOR-Systemfamilie es sich jeweils handelt, ebenso wenig welche Raketen geladen sind. Seit Mitte der 1980er-Jahre sind drei Haupttypen TOR/TOR-M1/TOR-M2 sowie mehrere Subtypen und mehrere Raketen für das System entwickelt, welche zumindest teilweise kompatibel sind. Die moderneren Varianten sind jedenfalls in der Lage eine Drohne der MALE-Klasse mit einer Kurzstrecken-Lenkwaffe erfolgreich zu bekämpfen.

Hier haben Arbeiter auf rumänischen Offshore-Gasplattformen zwei Projekt 22160 Fregatten fotografiert. Eine davon trägt ein TOR-Flugabwehr-Raketen-System, die andere einen Ka-27 Hubschrauber.

Allerdings lassen sich auch hierzu Lösungen finden: Am 17. Juni wurde der Projekt 22870 Schlepper der Schwarzmeerflotte Vasiliy Bekh, welcher sich auf Versorgungsmission in Richtung Schlangeninsel befand, trotz TOR-Flugabwehr-Raketen-System an Bord, von zwei Harpoon-Anti-Schiff-Raketen getroffen.

Die Bayraktar-Drohne hat sich offenbar außerhalb der Reichweite des TOR gehalten, war aber immer noch in der Lage per Videolink ausreichend Positionsdaten zu übermitteln, um eine erfolgreiche Bekämpfung mittels landgestützter Harpoon Anti-Schiff-Raketen zu ermöglichen. Und wenn Sie sich jetzt fragen, wie man auf dem IR-Video die Vasiliy Bekh erkennen könnte, auch diese Information stammt aus dem Internet und entsprechende Beiträge in Foren und auf Telegram dienen als Bestätigung. Der Einsatz der „nicht von den USA gelirferten, aber in den USA produzierten” Harpoon-Raketen wurde von offiziellen US-Kanälen bestätigt.

Wie die russischen Streitkräfte künftig die inzwischen stark gewachsene Garnison auf der Schlangeninsel versorgen will, bleibt abzuwarten und zu beobachten.

Quelle@Twitter
Martin Rosenkranz (geboren 1968 in Wien) ist Journalist und Autodidakt für Luftfahrt-, Militär- und Technologiethemen. Er war Chefredakteur des Luftfahrtportals www.airpower.at. Hat viele Jahre die Ausschreibung und Beschaffung der Eurofighter Typhoon sowie die Nachwehen journalistisch begleitet, militärischen Verbänden und Rüstungsunternehmen im In- und Ausland besucht und war bei Fachseminaren eingeladen.