Hoher Druck der Fliegerabwehr zwingt die Luftnahunterstützung im Ukraine-Krieg zu alternativen Methoden – auf beiden Seiten.

Auch im Zeitalter von Präzisionslenkwaffen ist „Toss Bombing” offenbar nicht in Vergessenheit geraten. Unter „Toss Bombing” (alternativ „pop-up Bombing”) versteht man ein Einsatzverfahren, bei dem ein Luftfahrzeug aus dem Tiefflug in einen Steigflug übergeht und am Scheitelpunkt dieses Manövers seine Luft/Boden-Waffen auslöst. Zweck des Manövers ist es, die Waffen in hohem Bogen auf ein Ziel in einigen Kilometern Entfernung zu werfen, ohne das eigene Luftfahrzeug allzu sehr vor der Fliegerabwehr zu exponieren.

Da das Verfahren einen enorm hohen CEP-Wert (Circular Error Probable = Streukreisradius = der Kreis, in dem bei einer Normalverteilung 50 Prozent aller Messwerte liegen) nach sich zieht, kommt es kaum zur Anwendung. Es gibt allerdings auch für Lenkwaffen Toss-Verfahren. So erwähnt zum Beispiel die US Air Force für ihre JDAM-Bomben diese Möglichkeit.

@ArchivTrotzdem kommt es bei westlichen Streitkräften praktisch kaum mehr zur Verwendung, obwohl die Feuerleitrechner von F-15 und F-16 prinzipiell Toss-Verfahren unterstützen. Eine nennenswerte Ausnahme mag eventuell der Einsatz frei fallender taktischer Nuklearwaffen sein, die aufgrund der hohen Waffenwirkung weniger Präzision benötigen.

Gab es in der frühen Phase des Ukraine-Krieges noch häufig Videos, die Luftnahunterstützung im klassischen direkten Schuss auf feindliche Streitkräfte am Boden zeigten, gibt es inzwischen zunehmend Videos von beiden Seiten, die den Einsatz von ungelenkten Raketen im Toss-Verfahren zeigen.

Auf der Suche nach Unterlagen zu diesem Angriffsverfahren sind wir auf Gefechtsvorschriften der NVA (Nationalen Volksarmee der DDR), verfasst von Oberst H.-R. Reiche (Taktik der Armeefliegerkräfte, Militärakademie der NVA, 1986, VVS-Nr. B449930) gestoßen – im Nachfolgenden ein Auszug.

@ArchivAngriff aus dem Steigflug

Anwendung zur Bekämpfung großer Gruppen- und Flächenziele, die stark durch Luftabwehrmittel gedeckt sind. Hauptsächlich erfolgt der Einsatz von ungelenkten Raketen im indirekten Richten, gewissermaßen aus „gedeckten Feuerstellungen” aus größerer Schussentfernung, als sie die anderen Angriffsmethoden zulassen.

Die Angriffsmethode aus dem Steigflug ist relativ neu und befindet sich in der Erprobung. Die Auffassungen über Anwendbarkeit und Wirksamkeit bei Nutzung der gegenwärtig in Kampfhubschraubern vorhandenen Visiertechnik (Mi-24) gehen stark auseinander. Allerdings kann man davon ausgehen, dass der Angriff aus dem Steigflug dem Wesen des Kampfhubschraubers als hochmobiler Präzisionswaffenträger und der vorgesehenen „Bekämpfung von kleinflächigen, beweglichen Land- und Seeobjekten” zuwiderläuft.

Der Angriff aus dem Steigflug wird daher als Ausnahme angesehen, die zur Anwendung kommt, wenn andere Angriffsmethoden nicht möglich sind.

Die Zukunft kann allerdings eine Änderung bringen; zum Beispiel mit der Einführung endphasengelenkter Waffen: die erste Flugphase verläuft ballistisch oder aerodynamisch, in der zweiten Phase (Endphase) wird die Waffe auf angestrahlte Ziele gelenkt oder nach verschiedenen Verfahren (Infrarot, Funkmess, Fernsehlenkung, elektromagnetische Felder) herangeleitet.

Vorteile
– große maximale Schussentfernung der ungelenkten Raketen von 4 bis 4.5 Kilomter
Verringerung der Wirksamkeit gegnerischer Luftabwehrmittel
Anwendbarkeit auch bei ungünstigeren Sichtverhältnissen

Nachteile
– da entsprechende Visiereinrichtungen fehlen und die Salven infolge der Hubschrauberbewegunng stark streuen, wird die Trefferwahrscheinlichkeit herabgesetzt
geringere Wirksamkeit am Ziel, da infolge der großen Entfernung die Durchschlagsleistung fehlt
in Einzelfällen kann es passieren, dass Gefechtsköpfe nicht detonieren, da die erforderliche Aufschlaggeschwindigkeit von 250 ms-1 unterschritten werden kann
große Rumpfneigung des Hubschraubers (5° bis 8°) in der Nähe der Maximalgeschwindigkeit und starke Vibrationen
steuertechnische Probleme beim Einleiten des Steigfluges (Querneigungsmoment) und das schlagartige Abbremsen beim Abfeuern großer Salven
große erforderliche Sicherheitsentfernung zu den eigenen Truppen, da die Raketen eine starke Längsstreuung haben; Bekämpfen von Zielen unmittelbar vor den eigenen Truppen ist damit nicht möglich
relativ großer Höhengewinn

Im Anschluss einige Videos mit Beispielen zu den erwähnten Angriffsmethoden.

Video 1 zeigt einen russischen Kamov Ka-52 Alligator Kampfhubschrauber beim Angriff mit direktem Richten auf Ziele im Bereich des Flughafen Hostomel am 24. Februar.

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Video 2 zeigt einen russischen Mil-Mi 28 Havoc Kampfhubschrauber bei diversen Angriffsmethoden. Insbesondere das TOSS-Verfahren aus HUD-Sicht ab 2:50 sowie der Einsatz einer 9M120 Ataka-V Lenkwaffe aus HUD-Sicht ab 03:48 sind interessant. Bitte beachten Sie die angezeigte Entfernung von knapp acht Kilometer und die eingeblendete 23-Sekunden Flugzeit der Radiosignal-gelenkten „Line-Of-Sight Beam Riding” (LOSBR) Lenkwaffe.

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Video-3 zeigt, welche Konsequenzen es für den Hubschrauber haben kann, wenn er für den Einsatz einer LOSBR-Lenkwaffe längere Zeit auf der Stelle schweben muss. Dieser russische Kamov Ka-52 Alligator Kampfhubschrauber wird mit einer ukrainischen Stugna-P Anti-Panzer-Lenkwaffe (!) erfolgreich bekämpft.

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Video-4 zeigt eine Sukhoi Su-25 Frogfoot beim Übungsschießen.

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Video-5 zeigt eine Sukhoi Su-25 Frogfoot während des Kriegs in Armenien und die katastrophale Wirkung eines direkten Tiefflugangriffs. Eine erwiesen effektive Fliegerabwehr ist in der Lage solche vernichtenden Luftschläge präventiv zu verhindern, daher kommt das TOSS-Verfahren aktuell auch zur Anwendung.

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Video-6 zeigt eine russische Sukhoi Su-25 Frogfoot beim TOSS-Verfahren im Ukraine-Krieg.

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Video-7 zeigt ukrainische MANPADS (Akronym englisch für MAN-Portable-Air-Defense System, tragbare Flugabwehr-Lenkwaffe) Schützen beim scharfen Schuss.

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Video-8 zeigt eine Sukhoi Su-25 Frogfoot beim Ausstoß von FLARE-Täuschkörpern um die Erfassung durch MANPADS zu behindern.

Quelle@Archiv
Martin Rosenkranz (geboren 1968 in Wien) ist Journalist und Autodidakt für Luftfahrt-, Militär- und Technologiethemen. Er war Chefredakteur des Luftfahrtportals www.airpower.at. Hat viele Jahre die Ausschreibung und Beschaffung der Eurofighter Typhoon sowie die Nachwehen journalistisch begleitet, militärischen Verbänden und Rüstungsunternehmen im In- und Ausland besucht und war bei Fachseminaren eingeladen.