Die tschechische Firma ERA hat sich in den vergangenen Jahren zum Weltmarktführer der völlig passiven Ortung und Verfolgung von Luftzielen entwickelt. Ein Gespräch mit Commercial Director Ondrej Chlost.

@Georg Mader
Ondrej Chlost ist Commercial Director beim
tschechischen Hersteller ERA.

Herr Chlost, im Bereich der elektronischen Kampfführung ist ERA mit seinen Systemen Tamara, Vera-S und Vera-NG längst ein Begriff. Welches Konzept steht hinter der Passivortung? Man sagt ERA nach, den Stealth-Faktor situationsabhängig deutlich zu entwerten.
Konflikte wie der 2. Golfkrieg, der Jugoslawienkrieg oder in Libyen zeigten, dass herkömmliche Radare mit ihren emittierenden Antennen dank Anti-Radarlenkwaffen eine Überlebensspanne von 20 bis 30 Minuten haben. Für unsere zwei Produkte, die auf unterschiedlichen Ortungsprinzipien beruhen, gilt das nicht.

Inwiefern?
Das 2010 zur Serienreife gebrachte Vera-NG arbeitet dank TDOA-Multilateration (Time Difference Of Arrival), ADS-B (Automated Depend Surveillance Broadcast) und PCL (Passive Coherent Location) mit wellenelektronischen Emissionen, welche alle Flugzeuge abstrahlen. Das können IFF-Abfragen sein, aber auch V/UHF-Funk, taktische Datenlinks, Radionavigation, aktivierte oder emittierende Störsender. Und diese kommen eben genauso auch von Luftzielen, die bauartbedingt schwer Radar-ortbar, also Stealth sind. Wir decken diese auf, können sie aber auch lokalisieren und gegebenenfalls sogar identifizieren. Und das, ohne dass unsere Sensoren irgendetwas emittieren, bewegende Teile haben oder Wärme abgeben.

Und das andere Konzept?
Das nennt sich Siccora (Silent Correlation Radar, siehe Bild). Dieses erst 2018 zusammen mit der Militäruniversität Brünn präsentierte passive und multistatische Ortungssystem nutzt die Störungen und Abstrahlungsreflexionen, die beim Durchfliegen von FM-Signalblasen oder -feldern, von GSM-Telefonnetzen oder (DVBT-)TV-Sendern und Ähnlichem entstehen. Das geht aber nur bis in Höhen von 3.000 bis 4.500 Meter, darüber gibt es nicht genug „Wellensalat”.

@ERA
Das passive und multistatische Ortungssystem Siccora nutzt die Störungen und Abstrahlungsreflexionen, die beim Durchfliegen von FM-Signalblasen oder -feldern, von GSM-Telefonnetzen oder (DVBT-)TV-Sendern und Ähnlichem entstehen.

Über welche Reichweiten verfügen Siccora und Vera-NG?
Beide Systeme erreichen mit je drei Sensoren und einer Signalauswertestation eine Reichweite von rund 400 Kilometern. Dabei können sie für sich, aber auch komplementär zu Luftraumüberwachungs-radars verwendet werden.

Wie weit verbreitet sind die ERA-Systeme bereits?
Wir haben etwa 130 militärische Ortungs-, aber auch zivile Flugsicherungssysteme an 45 Länder ausgeliefert, auch an NATO-Länder und auf alle fünf Kontinente.

Hier geht es zu den anderen Beiträgen unserer Serie „5 Fragen an”.

Quelle@ERA, Georg Mader
Der Autor ist einer der renommiertesten österreichischen Luftfahrtjournalisten, Korrespondent des britischen Jane’s Defence und schreibt seit vielen Jahren für Militär Aktuell.