USAF-Staatssekretär Frank Kendall gab am 17. August auf einer Veranstaltung der Air & Space Forces Association den Zuschlag für den Bau eines Demonstrators eines künftigen großen Transport- und Tankflugzeugs mit verlaufender Nurflügel-Rumpf-Auslegung in Vollgröße. Er geht überraschend an das – außerhalb der Fachwelt unbekannte – Start-Up JetZero in Long Beach, das allerdings bei der Umsetzung mit Big Player Northrop Grumman zusammenarbeiten wird. Der futuristische „Blended-Wing-Body” (BWB) mit der informellen Bezeichnung XBW-1 soll bereits 2027 flugbereit sein.

@Chris Pocock
USAF-Staatssekretär Frank Kendall plant aktuell die Zukunft der US-Luftstreitkräfte.

Nicht nur militärisches Gerät im Blick
Dem radikalen Entwurf liegt kein rein militärisches Konzept zu Grunde, es soll auch 30 Prozent effizientere, leisere und umweltschonendere Verkehrsflugzeuge in der Größe bis 250 Passagiere – gemessen an A330 oder B767 – umfassen. Für die vierjährige Realisierungsphase gibt es zunächst rund 215 Millionen Euro vom Pentagon, die übrige Finanzierung soll dann auch mit Mitteln aus der Privatwirtschaft sichergestellt werden. Bis 2030 will JetZero sein Design Z5 für den kommerziellen Einsatz bereit haben. Dabei soll das Flugzeug 50 Prozent weniger Treibstoff als herkömmliche Maschinen benötigen, allerdings trotzdem über 50 Prozent mehr Reichweite verfügen und in seinem überbreiten Hubkörper mit einem größeren Ladevolumen schwerere Lasten und mehr Treibstoff tragen können als traditionelle Muster wie der um Jahre verspätet zulaufende Boeing KC-46 Pegasus.

„Nurflügler haben das Potenzial, den Treibstoffverbrauch signifikant zu reduzieren und die globale Reichweite zu steigern”, erklärte JetZero-Chef Tom O’Leary in einem ersten Statement. Luftwaffen-Staatssekretär Kendall ergänzte, dass „Truppen und Fracht schnell über lange Strecken zu transportieren von großer Wichtigkeit ist, um die nationale Sicherheit zu garantieren. Auf diese Weise könnte XBW-1 dazu beitragen, die Anforderungen für die Programme Next-Generation Airlift (NGAL) und Next-Generation Air Refueling System (NGAS) zu erfüllen.” In der zeitgleich herausgegebenen Pressemitteilung der USAF heißt es: „Mit dem BWB sind mehrere militärische Transport- und Tankerkonfigurationen möglich. Zusammen machen diese Flugzeugtypen etwa 60 Prozent unseres jährlichen Kerosinverbrauchs aus.”

@af.mil
Futuristischer Ausblick: Der Blended-Wing-Body soll idealerweise bereits 2027 flugbereit sein.

Pläne seit den 1980er-Jahren
Bei aller Innovation ist die Idee der Abkehr von der klaren Trennung von Rumpf und Tragflächen nicht radikal neu. JetZero mag zwar ein Start-up (gegründet 2018) sein, aber dank Mitarbeitern wie Mitbegründer Mark Page, der durch seine frühere Tätigkeit bei McDonnell-Douglas über jahrelange Erfahrung an derartigen Konzepten verfügt, besteht im Unternehmen ein großes Grundlagenwissen rund um BWB-Designs. McDonnell-Douglas, 1997 von Boeing übernommen, gilt allgemein sogar als Urheber der BWB-Idee. Zugeschrieben wird sie dort Ingenieur Robert Liebeck, der auch jetzt bei JetZero an Bord ist. Weiters im Projekt ist neben Northrop Grumman (B-2 und B-21 Bomber) auch deren Tochter Scaled Composites, das seit Jahren für äußerst innovatives Luft- und Raumfahrtdesigns und seine Rapid-Prototyping-Fähigkeiten bekannt ist.

@JetZero
Mark Page arbeitete früher bei McDonnell-Douglas, 2018 gründete er JetZero.

Leiser und schwerer zu finden
Großen Einfluss hat die äußere Form eines Flugobjekt nicht nur auf Verbrauch, Reichweite und Geschwindigkeit, sondern auch auf die Radarrückstrahlfläche und damit die Schwer-Erkennbarkeit am Radar. In diesem Bereich wird ganz sicherlich auch die ganz ohne Seitenleitwerke ausgelegte, Rumpf-Nurflügel-Auslegung punkten. Als Stealth-Flugzeug will das Projekt vorerst aber niemand bezeichnen. Allerdings scheint auf Grafiken der Firma beispielsweise durch die Anordnung der beiden kommerziellen Triebwerke (mit hohem Bypass/Nebenstromverhältnis) oben und weit auseinander auf dem Heck der Maschine, sowohl die geringe Wärmeabstrahlung als auch die akustische Ausbreitung nach unten aus militärischer Sicht willkommene Vorteile zu sein. Und das alles vor dem Hintergrund einer USAF-Generalplanung, die sich zurzeit mit Blick auf einen möglichen Konflikts mit der Volksrepublik China stark um Reichweiten, Radien und Logistik im Westpazifik dreht. Dazu kommt: Leise und hochgradig überlebensfähige militärische Transportflugzeuge (die Rede ist von sogenannten Force Multipliers) wäre auch für verdeckte oder geheime Missionen von beträchtlichem Vorteil.

Sicherheitspolitik-Experte Kilian Hitzl im Gespräch

„Wettlauf mit einem gewaltigen Gegner”
Genau zu jener generellen Orientierung – Europa und Russland scheinen trotz Ukraine-Krieg weiterhin weiterhin nicht im Fokus der Pentagon-Planer zu sein – hat Kendall in seiner Eröffnungsrede grundlegende Einsichten gewährt: „Es ist heute nicht übertrieben zu sagen, dass operative Energie in einem Konflikt, der sich auf Augenhöhe befindet, die entscheidende Rolle spielen wird. Und wir befinden uns in einem Wettlauf um die technologische Überlegenheit mit einem gewaltigen Gegner, wir bezeichnen das als Pacing-Herausforderung. Diese Herausforderung erfordert, dass wir neue Wege, neue Methoden und neue Prozesse finden, um unsere Wettbewerbsvorteile zu bewahren. Dieser Wettbewerbsvorteil liegt in der Fähigkeit, überlegene Technologien zu entwickeln und einzusetzen und damit die Anforderungen unserer Kämpfer zu erfüllen – und zwar schneller als unsere Gegner.”

@JetZero
Ein unbekanntes Flugobjekt? Heute ja, in Zukunft könnten so die Tanker der US-Luftstreitkräfte aussehen.

Kendall weiter: „Heute setzt sich dieser Innovationsgeist mit dem Blended-Wing-Body-Programm fort. Dieses Projekt hat auch Auswirkungen auf die industrielle Basis. Es gibt großes kommerzielles Interesse an dieser Technologie und wir freuen uns darauf, diese Technologie und den zukünftigen Wettbewerb zu erforschen und unseren Soldaten so schnell und effizient wie möglich die richtigen Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen. Ich möchte betonen, dass dieses Projekt eine Win-Win-Situation sowohl für die kommerzielle Industrie, als auch für das Verteidigungsministerium darstellt. Wir hoffen, dass die kommerziellen Interessen zu zusätzlichen Investitionen führen werden, die schlussendlich uns allen zugutekommen werden.”

Quelle@JetZero, Chris Pocock, af.mil
Der Autor ist einer der renommiertesten österreichischen Luftfahrtjournalisten, Korrespondent des britischen Jane’s Defence und schreibt seit vielen Jahren für Militär Aktuell.