Verpönt und geächtet: zivile Technik im militärischen Einsatz. Trotzdem sind handelsübliche Drohnen im Ukraine-Krieg auf beiden Seiten längst ein wesentlicher Faktor der Kampfführung – und in Zukunft dürfte die Bedeutung der unbemannten Kleinstgeräte noch weiter steigen. Eine Analyse.

Ganz ehrlich, wer hätte noch vor Kurzem vermutet, dass Geräte, die in die Klasse Hobby, Sport und Spielzeug einzuordnen sind, erfolgreich ganze Gruppen Soldaten ausschalten, zur Zerstörung millionenteurer Kampfpanzer und andere Gefechtsfahrzeuge eingesetzt werden, Nachschub abriegeln oder bei der präzisen Einweisung von Artillerie und Granatwerfern und zur Gefechtsfeldüberwachung sowie Tarnungskontrolle Verwendung finden? Dass handelsübliche Drohnen aus dem Elektronikmarkt im größten militärischen Konflikt Europas seit dem Zweiten Weltkrieg eine wesentliche Komponente von ISTAR (Intelligence, Surveillance, Target Acquisition and Reconnaissance) auf beiden Seiten der Front darstellen?

@Armed Forces of Ukraine
Klein, flexibel einsetzbar und günstig: Drohnen spielen bei den Kämpfen in der Ukraine eine immer größere Rolle.

Und, dass die russische Armee trotz erheblicher Kapazitäten im Bereich Fliegerabwehr und elektronischer Kampfführung laufend sowohl Schlüsselpersonal als auch hochwertige Gerätschaft durch Verwendung von Drohnen verliert, die in der Anschaffung oft sogar noch günstiger als ein Sturmgewehr sind?

1.400 Drohnen für die ukrainische Armee
„Army of Drones” lautet der Titel einer Kampagne der ukrainischen Regierung, für welche Mark Hamill („Luke Skywalker” in Star Wars) als prominenter globaler Botschafter gewonnen werden konnte. Bisher wurden im Rahmen des Programms rund 100 Millionen Euro gesammelt und mit dem Geld mehr als 1.400 Drohnen für die ukrainischen Streitkräfte beschafft.

Es sind darunter auch technisch hochstehende und teure militärische Drohnen wie die Penguin des US-Herstellers Edge, aber eben auch semizivile Modelle wie Mugin-5 mit der am 29. April erfolgreich das Öllager in Sewastopol angegriffen wurde. Zudem  Consumerprodukte wie Autel Evo 2, DJI Mavic 3 sowie DJI Matrice.

Der Bedarf an der Front geht aber weit über die genannten 1.400 Stück hinaus. Und er geht auch über das Volumen aller anderen Spendeninitiativen, Beschaffungsmaßnahmen und „Drohnen-Basteleien” einzelner Einheiten sowie über die teils üppigen UAV-Lieferungen (UAV = Unmanned Aircraft System) aus Militärhilfen westlicher Staaten hinaus. Selbst das Drohnen-Budget der ukrainischen Streitkräfte in Höhe von rund 500 Millionen Euro für das laufende Jahr vermag die enorme Nachfrage auch wegen den vielen aktuell neu in Aufstellung befindlichen Verbänden nur zum Teil zu decken – und auch die Verluste sind enorm. Laut Garde-Chef und Ukraine-Experte Oberst Markus Reisner verliert die Ukraine derzeit pro Monat rund 10.000 Drohnen aller Größen und Typen.

Nachgefragt ist praktisch alles, was leicht und autonom in die Luft zu bringen ist – von westlichen Hochleistungs-Langstreckendrohnen mit Stückkosten im sechsstelligen Bereich und deren Billigkopien aus China um rund 10.000 Euro bis hin zu den mit Videobrille ins Ziel gesteuerten „first-person-view” (FPV)-Drohnen, die schon um 750 Euro pro Stück zu haben sind.

Zigtausende Drohnen
Die Gesamtzahl an UAVs, die den ukrainischen Streitkräften im laufenden Jahr gesamt zur Verfügung stehen wird, ist schwer zu schätzen. Setzt man allerdings das doch ansehnliche Investitionsbudget mit den überschaubaren Stückkosten der Geräte in Relation, dann wäre auch eine Größenordnung im deutlich sechsstelligen Bereich keine große Überraschung.

Sowohl der gesamte Grenzbereich nach Weißrussland (650 bis 700 Kilometer), als auch die „ruhigeren” Grenzbereiche zu Russland in den Regionen Tschernihiw, Sumy und Charkiw (rund 700 Kilometer) werden mit den Drohnensystemen permanent überwacht. Dazu kommt die rund 700 Kilometer lange „heiße” Frontlinie von der russischen Grenze des Oblast Belgorod über Donezk und weiter westlich nach Cherson, die natürlich ebenfalls beflogen wird.

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Strukturell verfügt jede Brigade mittlerweile über ein oder mehrere kleine Drohnen-Einheiten. Hinzu kommen immer mehr separate Verbände, die ausschließlich mit Drohnen kämpfen. Dabei gilt: Je höherwertig der Auftrag, desto höherwertig das eingesetzte Material. Für Aufklärungs-, Kommando- und Sabotagegruppen, die über die Grenze nach Russland oder in die besetzten ukrainischen Gebiete im Osten und Süden eingeschleust werden oder die Zieldaten für Artillerie langer Reichweite sowie die Fernaufklärung sammeln sollen, steht das deutlich teurere militärische Drohnennmaterial zur Verfügung. Die zivilen Produkte wie die DJI Mavic sind hingegen das Metier der Fronteinheiten. Hier wird auf Ebene der Kompanien, der Bataillone und der Brigade der eigene Frontabschnitt überwacht und das eigene Steilfeuerelement mit Zieldaten unterstützt. Die DJI- und FPV Drohnen bilden außerdem den Kern der reinen Drohnen-Einheiten, wie beispielsweise der inzwischen bekannten „Birds of Magyar”.

Bildung von Sondereinheiten
Ende Mai und Anfang Juni des Vorjahres tauchten erstmals ukrainische Videos auf, die den punktgenauen Abwurf kleiner Sprengkörper von leicht modifizierten, handelsüblichen Drohnen zeigten – mit verheerender Wirkung. Ganze Trupps an Soldaten fielen den abgeworfenen kleinen Granaten zum Opfer, Panzer und Fahrzeuge wurden schwer beschädigt oder brannten überhaupt aus.

Die ukrainische Armeeführung griff die Idee in der Folge aufgrund der durchschlagenden Erfolge rasch auf und begann irgendwann im Sommer 2022 die erste Drohnen-Sondereinheit zu formieren, die angesprochen „Birds of Magyar”. Der Telegramkanal des Namensgebers Robert Brovdi (Rufnahme „Magyar”) ist seitdem zu einem Dorado für Drohnenkrieger geworden, Interessenten seien allerdings gewarnt: Die Realität des Drohnenkrieges kommt in ungefilterter Brutalität. Mit tausenden Aufklärungs- und Angriffseinsätzen im Monat trat Brovdis Einheit zuletzt vor allem rund um die Schlacht um Bakhmut in Erscheinung.

Aufgrund seiner Erfolge und seiner offenen Kommunikation genießt Robert Brodvi mittlerweile weit über die Ukraine hinaus große Popularität. Zu seiner Art der Kommunikation gehört auch, dass er mit Informationen über die hauptsächlich mit Spendengeldern finanzierten Gerätschaften seiner Einheit recht offen umgeht. In seinem Portfolio finden sich zwar auch einige wenige richtig teure Profigeräte, mehrheitlich dann aber doch Drohnen der Type DJI Mavic 3/pro ohne und mit Thermalkamera (Preis 3.000 bis 4.000 Euro pro Stück), von der Größenordnungen von 200 bis 300 Stück pro Monat beschafft werden. Von den nochmals deutlich günstigeren FPV-Drohnentypen beschafft alleine seine Einheit im selben Zeitraum mehrere tausend Geräte.

@Birds of Magyar
Ein vor wenigen Tagen veröffentlichtes Bild zeigt die Übergabe von Drohnen und Pickups an neu gebildeten Angriffsdrohnen-Kompanien der ukrainischen Armee.

Längst hat die ukrainische Armee Aufbau und Konzept der „Birds” auch für andere Bereiche übernommen. Kiew betreibt inzwischen sogar eine offiziell eingerichtete Schule, in der die Drohnenpiloten von morgen ausgebildet werden. Der Standort ist geheim und auch die Größenordnung wird nur rudimentär mit „hunderten Schülern” beschrieben. Mit Beginn 2023 wurden jedenfalls weitere reine Drohnen-Sondereinheiten aufgestellt und am 28. März verkündete Mykhailo Fedorov, Minister für digitale Transformation, die Einsatzbereitschaft der ersten drei Angriffsdrohnen-Kompanien der Ukraine. General Valerii Zaluzhnyi, Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, hatte zuvor die Schaffung von Drohnenkompanien als Teil der Verteidigungsstreitkräfte genehmigt. Aus Sicht der ukrainischen Armee handelt es sich dabei um die ersten UAV-Kampftruppen weltweit. Erst vergangene Woche hat die ukrainische Armee die Anzahl der im Rahmen des Projekts „Army of Drones” ausgebildeten Drohnen-Piloten mit mittlerweile 10.000 angegeben.

Diverse Anpassungen
Schon länger bekannt ist, dass die zivilen Drohnen vor ihrem militärischen Einsatz Modifikationen unterzogen werden. Sowohl den Ukrainern als auch den Russen ist es gelungen, diverse Beschränkungen und Vorkehrungen in der Software der zivilen Drohnen außer Funktion zu setzen. Das betrifft beispielsweise die automatische Übermittlung des Sender-Standortes, aber auch das so genannte „Geofencing”. Dabei begrenzt die Drohne automatisch ihre Flugleistung auf Grundlage lokaler Gesetze. Findige Köpfe auf beiden Seiten der Front haben aber auch hier Mittel und Wege gefunden, um die mitgelieferten Beschränkungen zu deaktivieren oder unwirksam zu machen. Mittlerweile werden an den Geräten auch Hardwareanpassungen vorgenommen, um die Funkverbbindung zu stärken oder um zivile Drohnen zu Signalrelais-Repeatern umzufunktionieren. Und schließlich werden die Drohnen eben auch zum Abwurf von kleinen Sprengkörpern modifiziert.

Im Sog des „Drohnen-Booms” sind mittlerweile aus den Arsenalen und Werkstätten der beiden Kriegsparteien auch 3D-Drucker nicht mehr wegzudenken. Damit werden Halterungen und Auslösemechanismen für Munition produziert. Aber auch immer größere Anteile der Munition selbst kommen aus den 3D-Druckern. Waren es am Anfang nur Stabilisierungsflossen für kleine Granaten, die auf diese Art und Weise produziert wurden, sind es inzwischen auch die Zünder, die speziell für diesen Zweck entworfen sind.

Unterschiedlichste Einsatzmöglichkeiten
Die ideale Verwendung jeder taktischen Drohne ergibt sich aus ihrer Reichweite (und zwar auch die der Funkverbindung), der Verweildauer in der Luft, Mindest- und Höchstgeschwindigkeit sowie erreichbare Flughöhe, der Qualität der Videokamera und deren Übertragung, Größe und Auflösung des Bildschirms zur Bildwiedergabe, sowie der möglichen Nutzlast.

Drohnen kurzer Reichweite, und hier vor allem die Quadcopter, werden folgedessen vor allem zur Tarnüberwachung, aber natürlich auch zur Ausbildung im Kampf mit und jüngst gegen UAVs eingesetzt. Eine weitere Einsatzart ist die Echtzeit-Luftaufklärung von Operationen am Boden. Begonnen hat das mit Sonder- und Kommandoeinsätzen in der Nacht. Inzwischen werden auch ganz „normale“ Infanterieoperationen wie Verteidigung und Angriff von Stellungen mit Livebild aus der Luft unterstützt. Flankierend gibt es bei solchen Operationen auch Luftnahunterstützung durch bewaffnete Drohnen.

Durch den Einsatz der erwähnten FPV-Drohnen mittels Brillensteuerung werden zudem feindliche Gräben sturmreif geschossen. Außerdem ist ersichtlich, dass diese Drohnenart vermehrt zur Unterbrechung der Verbindungslinien im vorderen Frontbereich genutzt wird. Es werden per FPV in dem Fall Fahrzeuge, die dem Transport von Verpflegung, Nachschub und Personal dienen, erfolgreich angegriffen. Das geht derzeit bis auf Entfernungen von etwa zwei bis drei Kilometern, wir sprechen also vom unmittelbaren Frontbereich.

Versenkung der Moskwa: So war es wirklich

Da sich die schwache Bildqualität der FPVs nicht für Aufklärung eignet, übernehmen andere Drohnen diese Aufgabe. Quadcopter der DJI Mavic Familie können Entfernungen von rund fünf Kilometer und Flugzeiten bis rund 30 Min bewältigen, haben zwei, in der neuesten Pro-Version sogar drei, gute Kameras und eignen sich somit gut für diese Aufgabe.

Je weiter man sich vom eigenen Gebiet entfernt, desto bedeutender wird aber die Flächendrohne. Denn ein Elektromotorsegler mit einigen Kilo Startgewicht kann für viele Stunden Bild und Videomaterial aus dutzenden Kilometern Entfernung übermitteln. Und da sprechen wir noch gar nicht von der High-End-Klasse.

Im obersten Leistungsspektrum verfügen die Geräte über drei-Achsen-stabilisierte digitale Foto-, Video- und Thermaloptiken mit Zoom. Sie sind mit Laserentfernungsmesser, Laser-Zielmarkierung, automatischer Zielfolge, Bewegungserkennung sowie integrierten Navigationssystemen und militärischem GPS ausgestattet und können sowohl die eigene Position als auch die Zielposition auf den Meter genau bestimmen. Und sie können all diese Daten per militärisch verschlüsseltem Datenlink gegebenenfalls auch über Satellit übermitteln. So eine Drohne kann sich hunderte Kilometer vom Startplatz entfernen und wieder zurückkehren.

China dreht ab, die Ukraine intensiviert ihre Eigenproduktion
Aktuell gibt es Anstrengungen der chinesischen Regierung – und DJI muss und wird dem Ansinnen wohl Folge leisten – die Verwendung ziviler Drohnen durch Militärs zu unterbinden. Angekündigt ist eine dramatische Reduktion der am freien Markt verfügbaren Mengen. Zwischenhändler haben Post von DJI erhalten, in der eine Reduktion der Liefermengen um 90 Prozent angekündigt wird. Welche weitere Maßnahmen DJI noch setzen wird ist aktuell unklar. Denkbar, und wohl rasch umsetzbar, sind Softwareeingriffe ähnlich „Geofencing”, um damit die militärische Verwendung weiter zu erschweren.

Der enorme Bedarf konnte am freien Markt schon bisher kaum gedeckt werden, nun dürfte auch eine bislang mit hunderten Drohnen pro Monat verfügbare Quelle bald versiegen. Die aufgehende Lücke soll unter anderem das ukrainische Startup Skyassist füllen. Mit Sirko liefert es aktuell die ersten Aufklärungsdrohnen aus, die serienmäßig mit 50 Kilometer Einsatzradius, 50 bis 70 Minuten Flugdauer und einer lichtempfindlichen 4k-Kamera in großen Stückzahlen produziert werden sollen. Bei Stückkosten von nicht einmal 3.000 Euro sollen anfänglich 200 bis 300 Stück der 1,5 Kilogramm schweren UAV mit 90 Zentimeter Spannweite pro Monat gefertigt werden, später will man die Produktion auf 1.000 Einheiten hochfahren. Und Skyassist ist nicht alleine: Mittlerweile sollen sich in der Ukraine rund 20 Unternehmen nur mit Drohnentechnologie beschäftigen. Dabei geht es natürlich nicht nur um die Produktion der Geräte, sondern auch um die Programmierung und Entwicklung immer ausgefeilterer Software. Automatische Zielerkennung und automatische Steuerung sowie Vorhaltrechner, die auf Basis der automatischen Fluglagekorrekturen der Drohnen aufgrund Wettereinfluss, den Trefferpunkt der abwerfbaren Munition gleich mit kalkulieren, sind nur eine Frage der Zeit. Von den künftigen Möglichkeiten der AI (Artifical Intelligence) noch gar nicht zu reden.

Auch Russland ist nicht untätig
Natürlich bleibt angesichts all dieser Entwicklungen auch Angreifer Russland im Drohnenbereich nicht untätig. Auch auf russischer Seite sind DJIs und FPVs in identer Funktion in Verwendung, wenn auch in etwas geringerer Anzahl. Es gibt wütende Kommentare in russischen Telegramkanälen, die dem russischen Oberkommando vorwerfen, die Quadcoper-Entwicklung völlig verschlafen zu haben. Und wie in der Ukraine gibt es auch in Russland private Initiativen und Spendensammlungen um „für die Jungs an der Front” entsprechendes Gerät bereitzustellen.

Ganz verschlafen hat Russland die UAV-Geschichte also nicht. Es gibt einsatzfähige militärische Drohnennmodelle, sie unterscheiden sich aber recht deutlich von denen des Westens.

@RFDas „Schweizer Taschenmesser” unter den russischen Drohnen ist jedenfalls die Orlan-10, mit größerer Spannweite auch als Version Orlan-30 unterwegs. Wie man bald feststellen konnte, enthält die Orlan-Serie eine große Anzahl ziviler westlicher Bauteile. In der Basisversion als Beobachter beispielsweise der Artillerieeinheiten finden sich zivile elektrooptische Komponenten sowie digitale Canon Spiegelreflexkameras. Man mag das als Schlaglicht auf die gesamte russische Rüstungsproduktion sehen, fakt ist jedenfalls, dass die ukrainische Fliegerabwehr alles unternimmt, um die Orlans abzuschießen. Das gelang bis inklusive Dezember 2022 angeblich bereits 600 Mal.

Es gibt darüber hinaus auch Spezialversionen der Orlan-10: Russische Einheiten für die elektronische Kampfführung verwenden die Moskit genannte Version der Drohne (nicht zu verwechseln mit dem tonnenschweren alten Seezielflugkörper gleichen Namens) mit entsprechend geänderter Nutzlast. Versionen, die Mobiltelefone orten oder Sendemasten simulieren und die Kommunikation abgreifen (IMSI-Catcher) sind ebenfalls dokumentiert. Und die Orlan kann auch bewaffnet werden, in dem man kleine Behälter mit jeweils zwei Granaten unter ihren Flügeln montiert. Laut russischen Quellen soll die Software der Drohne einen automatischen Abwurf der Granaten auf die festgelegte Koordinate ermöglichen, ein Konzept, das auch der Punisher genannte Elektrosegler der Ukraine verfolgt.

Ein russischer Hersteller, dessen Drohnen der Ukraine viel Kopfzerbrechen bereiten, ist Zala Aero, ein Teil des Kalaschnikow-Konzerns. Das Unternehmen gibt sich viel Mühe, unterschiedlichste Drohnenvarianten zu entwerfen und zumindest in den Prototypen- und Vorserienbau zu bringen.

Das bisher erfolgreichste und mit Abstand gefährlichste Produkt von Zala Aero ist die Kombination aus der Zala 421-16 (auch schlicht als Zala bezeichnet) genannten Aufklärungsdrohne und der als Lancet bekannten Angriffsdrohne. Das Duo tritt im rückwärtigen Bereich der Front auf und wird auf Hochwertziele angesetzt. Der mit langgestreckten Flügeln ausgestattete Elektrosegler Zala 421-16 verfügt über elektrooptische und Infrarotsensoren und er kann mehrere Stunden auf bis zu 5.000 Metern Höhe fliegen. Eine weitere Funktion ist die Fähigkeit zur Zielmarkierung. Das Angriffs-UAV Lancet ist an seinen X-Flügeln leicht erkennbar. Es wird auf Grundlage der Aufklärungsdaten zum Ziel geflogen. Lancet verfügt über einen Hohlladungsgefechtskopf, der über optische Entfernungsmesser auch mit einigem Abstand zum Ziel gezündet werden kann. Sehr lange wurde angenommen, dass die hoch fliegende Zala für die im Endanflug bodennah fliegende Lancet als Datenrelais dient. Eine Analyse der Hauptdirektion für Funkelektronik und Cyber-Kampf des Generalstabs der Streitkräfte der Ukraine geht inzwischen aber davon aus, dass keine Relaisverbindung hergestellt wird. Das bedeutet, dass der Video- und Telemetrie-Empfänger nur in direkter Sichtline zum Sender arbeitet und Lancet den Rest der Strecke autonom zurück legt. Opfer von Angriffen ist häufig die schwere Artillerie, Gefechtsfeldradare sowie hochwertiges Fliegerabwehrgerät. Aber auch ein erfolgreicher Angriff auf eine Datenlinkstation für die ukrainischen Bayraktar TB-2 MALE-Drohnen ist dokumentiert.

Eine weitere Angriffsdrohne aus dem Hause Zala ist die KuB-BLA, auch kurz KuB genannt (wiederum nicht mit dem Luftabwehr-Flugkörpersystem Kub zu verwechseln). Der Deltaflügler mit 1,2 Metern Spannweite bringt einen drei Kilogramm schweren Splittergefechtskopf bis zu 40 Kilometer weit ins Ziel.

Ableitungen zum Kopfzerbrechen der Fliegerabwehr
Während sich die bemannten Luftkräfte beider Seiten tunlichst aus dem Wirkungsbereich der gegnerischen Fliegerabwehr heraushalten, fliegen die Drohnen beider Seiten mitten rein ins Geschehen. Es gibt unzählige Aufnahmen von Drohnen, die ihren eigenen Abschuss filmen – oder bei denen gegnerischer Beschuss das Ziel knapp verfehlt. Unter dem Strich lassen sich daraus für die bodengestützte Fliegerabwehr einige wichtige Ableitungen ziehen.

Auffällig ist, dass die Probleme der Fliegerabwehr umso größer werden, je niedriger Drohnen fliegen und je kleiner sie werden. So etwas wie Schutz vor den gegnerischen Angriffsdrohnen genießen aktuell weder die ukrainischen, noch die russischen Frontsoldaten, was auch daran liegt, dass potenzielle Abwehrmittel, sei es Rohr-Fla, Raketen-Fla oder elektronische Kampfmittel, deutlich teurer und damit seltener sind, als die Drohnen, denen sie zum Opfer fallen. Viele der möglichen Abwehrressourcen lassen sich bei  Beschädigung oder Zerstörung nicht einfach so ersetzen – jedenfalls bei weitem nicht in der selben Geschwindigkeit wie Nachschub von Angriffs-UAV an die Front kommt.

Absehbar dramatisch die Situation speziell bei den Fliegerabwehrlenkwaffen: Die Rechnung des Aufwands mit sehr teuren Fliegerabwehrraketen, welche global zu zigtausenden pro Jahr produziert werden um potenziell auf superteure Militärflugzeuge zu schießen, welche global zu mehreren hundert pro Jahr produziert werden, ging bislang mehr oder weniger auf. Mit Drohnen, die sich zu hunderttausenden bis hin zu Millionen pro Jahr produzieren lassen, aber sicher nicht mehr. Freilich, auch FPV-Drohnen sind keine Wunderwaffen, sie sind in der aktuellen Form vielleicht sogar nur eine vorübergehende Erscheinung. Aber künftig werden sich hochtechnische Großwaffen-Industrieprodukte vermehrt an deren Kosten/Nutzen-Effizienz messen lassen müssen.

Alleine der zivile Drohnenmarkt wird bis 2030 global auf 50 bis 70 Milliarden Euro und Millionen von Einheiten jährlich geschätzt. In welchen Größenordnungen die Militärs mit den Erkenntnissen aus der Ukraine künftig rechnen, ist noch völlig unklar. Klar ist nur, dass den Überlegungen Abwehr von Drohnen und Schwärmen von Drohnen zunehmend Platz eingeräumt wird und dass nicht komfortabel viel Zeit bleibt, um gangbare Lösung zu erarbeiten, wie sich die Truppe effektiv vor längst nicht mehr nur „lästigen” Drohnenangriffen schützen kann.

 

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ANHANG

Der Autor hat für zahlreiche Drohnen-Modelle einzelne Twitter-Fäden erstellt. Videos, Bilder und Basisdaten zu den Systemen stammen aus Open Source Quellen, die Videos von den Streitkräften beziehungsweise den Herstellern. Einige der von ihm beschriebenen Drohnensysteme finden Sie auch bereits im Text oben.

Folgen Sie den Links und lesen Sie mehr über die einzelnen Drohnen-Systeme im Russland/Ukraine-Konflikt:

Aufklärung Fläche, Ukraine:

Aufklärung Fläche, Russsland:

Aufklärung/Angriff Fläche, Ukraine:

Aufklärung/Angriff Fläche, Russland:

Angriff Fläche, Ukraine:

Mehrzweck Fläche, Ukraine:

Angriff Fläche, Russland:

Aufklärung Rotor, Ukraine & Russland:

Aufklärung/Angriff Rotor, Ukraine & Russland:

Angriff Rotor, Ukraine:

Angriff Rotor, Russland:

Angriff Rotor, Ukraine & Russland:

Und hier auch noch ein Twitter-Thread über den Kampfeinsatz von FPV-Drohnen.

Zu folgenden Drohnen-Modellen gibt es aktuell noch nicht ausreichend Bildmaterial und Information. Es gibt zu einzelnen Systeme zwar Meldungen über Lieferungen oder die Verbereitung von Einsätzen, von manchen gilbt es auch bereits Aufnahmen abgeschossener Modelle. Viele der System sind aktuell aber einfach noch so geheim, dass es nicht mal Bilder von ihnen ihnen. Und von einigen wenigen Systemen (oder neuer Software in bekannten Systemen) existiert zwar Videomaterial, dass ihre Verwendung belegt, noch wurden diese aber nirgendwo namentlich erwähnt.

Sobald genügend Material zusammen gekommen ist, wird der Autor weitere Twitter-Fäden anlegen und wir werden die Einträge oben ergänzen.

  • CyberLux K8
  • Altius-600
  • Jump 20
  • DJI Avata
  • Granat-1
  • AeroVironment Quantix Recon
  • Golden Eagle
  • Autel Dragonfish
  • Kartograf
  • Izhmash – Unmanned Systems LLC Tachyon / тахион
  • Phoenix Ghost
  • Skydio X2
  • Quantum Systems Vector
  • Spectator
  • RQ-20 Puma
Quelle@Birds of Magyar, Armed Forces of Ukraine
Martin Rosenkranz (geboren 1968 in Wien) ist Journalist und Autodidakt für Luftfahrt-, Militär- und Technologiethemen. Er war Chefredakteur des Luftfahrtportals www.airpower.at. Hat viele Jahre die Ausschreibung und Beschaffung der Eurofighter Typhoon sowie die Nachwehen journalistisch begleitet, militärischen Verbänden und Rüstungsunternehmen im In- und Ausland besucht und war bei Fachseminaren eingeladen.