Wie werden Historiker in 20 Jahren unsere Zeit bewerten? Diese Frage kann auch Bundesheer-Oberst Markus Reisner nicht beantworten. Zu all den anderen Themen im großen Militär Aktuell-Interview liefert der Militärstratege aber anschauliche Hintergrundinformationen, er zeigt Zusammenhänge auf, skizziert Querverbindungen und entwirft ein alles andere als positives Zukunftsszenario.

Herr Oberst, es wird vielfach vor der Gefahr eines Dritten Weltkriegs gewarnt – befinden wir uns möglicherweise längst mittendrin?
Der Papst hat im Oktober von einem „Weltkrieg auf Raten” gesprochen und vielleicht befinden wir uns tatsächlich bereits in einer Phase, die von der Geschichtsschreibung irgendwann als Weltkrieg bezeichnet wird. Wir wissen es nicht. Die Situation scheint sich aktuell jedenfalls immer mehr zuzuspitzen – und das in vielen Regionen der Welt, auch in der Ukraine (-> aktuelle Meldungen aus dem Ukraine-Krieg). Schloss der Westen zunächst noch aus, schwere Waffen zu liefern, wird mittlerweile sogar der Einsatz von Bodentruppen diskutiert. Geschichtsschreiber werden in 20 Jahren genau erklären, warum die Dinge so gelaufen sind, wie sie aktuell laufen. Und möglicherweise werden sie dann auch konstatieren, dass wir uns längst in einem Weltkrieg befunden haben. Einer großen Auseinandersetzung zwischen dem sogenannten globalen Süden und dem globalen Norden.

Markus Reisner@Sebastian Freiler
Nach zwei Jahren als Kommandant der Garde übernahm Oberst des Generalstabsdienstes Markus Reisner mit Anfang März die Funktion des Leiters des Institutes für Offiziersausbildung an der Theresianischen Militärakademie übernommen.

Wie lässt sich der Beginn eines Weltkrieges festmachen? Ab wann weiß man, dass Weltkrieg ist?
Eine gute Frage, auf die es keine klare Antwort gibt. Der Erste Weltkrieg wurde erst mit dem Zweiten Weltkrieg so bezeichnet, davor war das der „Große Krieg”. Und der Zweite Weltkrieg ist mit Kriegseintritt der USA Ende 1941 zum Weltkrieg geworden – zu dem Zeitpunkt wurde aber bereits mehr als zwei Jahre gekämpft. Interessant ist, dass diese zwei Jahre und auch die Zeit unmittelbar vor Kriegsbeginn viele Parallelen zu heute aufweist.

„Die USA wollen einen grossbrand verhindern, versuchen aber die vielen brände nur mit feuerpatschen einzudämmen. sie löschen sie nicht.“

Inwiefern?
Es gab damals mit den Bürgerkriegen in Spanien und auch in Österreich, mit dem Krieg von Japan gegen China und mit zahlreichen weiteren Konflikten weltweit, ähnlich wie heute mit den Kriegen in der Ukraine und in Gaza, mit den Angriffen der Huthis und den jüngsten Entwicklungen in Nordafrika, viele auf den ersten Blick singuläre Brandherde. Damals sind diese Konflikte sukzessive zu einem großen Krieg verschmolzen, obwohl den so kaum jemand kommen sah. Ähnlich wie heute. Die Menschen in Kiew wussten Anfang 2022 ebenso wenig wie Ende 1938 die Menschen in Berlin oder London, dass sie vor einem großen Krieg stehen.

Oberst Markus Reisner im Interview mit Militär Aktuell (Jürgen Zacharias und Christian Bendl)@Sebastian Freiler
Oberst Markus Reisner im Gespräch mit den Militär Aktuell-Redakteuren Christian Bendl (rechts) und Jürgen Zacharias.

Damals hatte sich Hitler aber bereits Teile der Tschechoslowakei und
Österreich einverleibt …
… wofür ihn die Menschen in Deutschland bejubelten, einen Krieg erwarteten sie trotzdem nicht. Sie sahen die Zeichen nicht. Und auch die meisten westlichen Politiker glaubten damals, dass Hitler mit der Tschechoslowakei und Österreich bekommen habe, was er wollte, und damit die Situation entschärft wäre. Tatsächlich hat Hitler aber, von diesen Erfolgen getrieben, Gusto auf immer mehr bekommen – und das Gefühl, dass er sich einfach nehmen kann, was er will.

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So wie Wladimir Putin, der nach Tschetschenien, Südossetien und der Besetzung der Krim 2014 vor zwei Jahren auch die restliche Ukraine unter seine Kontrolle bringen wollte?
Putin hatte mit seiner Strategie in der Vergangenheit Erfolg und der Westen hat ihm dabei keine Steine in den Weg gelegt. Davon motiviert ist er immer weiter gegangen und er wird wohl auch in Zukunft ähnlich agieren, wenn es ihm gelingt, in der Ukraine erfolgreich zu bleiben.

„Wir sollten die aktuellen Auseinandersetzungen als das begreifen, was sie sind: als große konfrontation  des globalen südens mit dem globalen norden.“

Hängen die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten sowie die Angriffe der Huthis im Roten Meer irgendwie zusammen? Gibt es möglicherweise auch mit Blick auf Chinas wiederholte Drohungen in Richtung Taiwan und dem anhaltenden Säbelrasseln zwischen Nord- und Südkorea einen roten Faden?
Wir sollten all diese Auseinandersetzungen langsam als das begreifen, was sie wirklich sind: als große Konfrontation des globalen Südens mit dem globalen Norden. Der Süden hat es über die vergangenen Jahrzehnte geschafft, in ökonomischer und technologischer Hinsicht massiv aufzuholen und mit dem Norden gleichzuziehen, ihn in Teilen sogar zu überholen, wenn man etwa auf China blickt. Damit scheint nun die Zeit gekommen, die Vormundschaft des globalen Nordens zu beenden. Das heißt jetzt nicht, dass es dahingehend eine große Absprache der Länder des globalen Südens gibt. Aber es blieb dort nicht unbemerkt, dass der Norden und dabei insbesondere die USA aktuell mit anderen Problemen konfrontiert sind und zuletzt Schwächen gezeigt haben.

Oberst des Generalstabsdienstes Markus Reisner@Sebastian Freiler
Auf den Punkt gebracht: Oberst des Generalstabsdienstes Markus Reisner sieht die Weltlage aktuell alles andere als optimistisch. „Ich versuche nur die Zeichen der Zeit zu deuten und würde mir nichts mehr wünschen, als dass ich mit meinen Einschätzungen falschliege”, so Reisner im Interview.

Aber Washington lieferte doch bis zuletzt Waffen in die Ukraine, US-amerikanische Kampfjets fliegen Einsätze gegen die Huthis und die USA sagen bei jeder Gelegenheit Taiwan ihre Unterstützung zu.
Das ist alles richtig, die USA reagieren – aber zu verhalten. Sie wollen einen Großbrand verhindern, versuchen aber die vielen Brände nur mit Feuerpatschen einzudämmen. Sie löschen sie nicht. Das sieht man gut in der Ukraine: Die USA wollen Russland dort in die Schranken weisen, aber nicht zerstören, weil sie fürchten, was dann zwischen Moskau und Wladiwostok und mit all den russischen Atomwaffen passieren könnte. Ganz ähnlich ist das auch bei anderen Konflikten: Die USA kommen mit Feuerpatschen, setzen aber keine anderen, möglicherweise besseren Löschmittel ein …

… weil sie die eigentlich woanders benötigen.
Die USA haben schon vor Jahren gesagt, dass sie ihren Fokus in den Pazifik verlagern. Aktuell sind sie aber permanent anders gebunden und dabei beginnen weltweit neben den schon genannten Konflikten immer mehr Dominosteine zu fallen und weitere Steine mitzureißen. Aserbaidschan hat die Situation genutzt, um Bergkarabach endgültig unter Kontrolle zu bekommen. Europa hat seinen Einfluss in Nordafrika auch aufgrund russischer Interventionen verloren und auch die Südamerikaner verfolgen zunehmend eigene Interessen.

Wie lässt sich verhindern, dass noch mehr Steine fallen?
Indem jemand eine starke Hand dazwischenschiebt. Die Amerikaner hätten das Potenzial dafür, aber Präsident Joe Biden zögert – auch wegen der schwierigen innenpolitischen Situation mit der möglichen Wiederwahl von Donald Trump. Ein energischerer Präsident wie John F. Kennedy würde in der aktuellen Situation wohl ganz anders auftreten als Biden. Er würde versuchen, zu verhindern, dass weitere Steine fallen und irgendwann möglicherweise auch der Stein USA ins Wanken gerät und der Weltkrieg auf Raten tatsächlich zum Weltkrieg wird.

Wieso begehrt der globale Süden ausgerechnet jetzt auf? Warum nicht schon vor fünf oder zehn Jahren? Warum nicht erst 2030, 2035 oder 2040?
Weil die Zeit nun reif zu sein scheint, die USA haben aus Sicht des Südens Schwächen offenbart. Nehmen wir zum Beispiel die Tötung des iranischen Generals Ghassem Soleimani. Der Kommandeur der Al-Kuds-Brigaden wurde vor vier Jahren im Nachbarland Irak infolge eines US-Drohnenangriffs getötet, woraufhin die Iraner wenige Tage später mit ballistischen Raketen Ziele des US-Militärs im Irak angriffen. Die Amerikaner waren zwar gewarnt, hatten aber keine Mittel vor Ort, um die anfliegenden Raketen abzuwehren und so trafen sie mitten ins Ziel. Viel schlimmer war aber noch, dass auch im Nachhinein eine Reaktion der USA ausblieb. Man weiß heute, dass Präsident Trump damals überlegt hat, einen Gegenschlag durchzuführen, letztlich haben die USA aber darauf verzichtet.

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Um eine Eskalation zu verhindern?
Ja. Bei den Iranern blieb aber die Botschaft hängen, dass ihr Angriff keine Konsequenzen hatte, was sie als Schwäche auslegten. So haben sie weitere Schritte gesetzt und bei anderen Ländern des Südens ist es ähnlich. Ihr gemeinsames Ziel ist es, den globalen Gabentisch neu zu verteilen. Bis jetzt saßen nur die Länder des Nordens am Tisch, und haben sich dort mit beiden Händen reichlich bedient. Die Länder des Südens brachten brav die Gaben, also die Rohstoffe. Nun beginnt der Süden zu erkennen, dass er seine Rohstoffe auch selbst gebrauchen kann, er beginnt sich zu emanzipieren, was auch völlig verständlich ist. Warum sollte sich Indien, ein Land mit 1,4 Milliarden Einwohnern, dass übrigens nicht einmal im UN-Sicherheitsrat vertreten ist, von einem Land wie Großbritannien, mit seinen weniger als 70 Millionen Einwohnern, sagen lassen, was es zu tun hat.

Was wäre, wenn der Norden den Süden einladen würde, gemeinsam am Tisch Platz zu nehmen?
Das wird nicht passieren, damit wäre ja unser Wohlstand in Gefahr, was aus Sicht der Politiker den Bevölkerungen nicht vermittelbar ist. Wenn wir die vorhandenen Gaben fair teilen würden, wären teils drastische Preissteigerungen in praktisch allen Bereichen die Folge. Wir könnten uns fürs gleiche Geld deutlich weniger leisten und so wird der Norden an seinen Privilegien festhalten wollen.

„Unsere einzige Chance ist, die Entwicklungen jetzt richtig zu deuten und sich darauf vorzubereiten. Dann kann es uns gelingen, das Schlimmste zu verhindern. Gerade auch für Österreich.“

Wir haben zuvor von wackelnden Dominosteinen gesprochen. Welche Krisen drohen sich dahin zu entwickeln?
Da fällt mir vor allem der Balkan ein, wo es zuletzt immer unruhiger wurde. Dann Afrika und im Speziellen Nord­afrika, wo die Präsenz der Russen schon jetzt enorme negative Auswirkungen auf Europa hat. Auch Süd- und Mittelamerika sollte man auf der Rechnung haben und da insbesondere die Situation an der Südgrenze der USA. Und natürlich den Nahen Osten, wo es nur mehr einen Funken braucht, damit die Situation vollends eskaliert.

Europa reagiert zwar auf die aktuellen Entwicklungen, allerdings nur sehr zögerlich – auch, weil die meisten Menschen die von Ihnen skizzierten Entwicklungen nicht wahrhaben wollen. Wie lange wird es noch dauern, bis Europa die Zeichen der Zeit erkennt?
Das wird so lange dauern, bis die Auswirkungen nicht mehr zu übersehen sind und dadurch Betroffenheit entsteht. Noch geht es uns gefühlt gut, aber das kann in ein, zwei, drei oder vielleicht auch erst in zehn Jahren ganz anders ausschauen. Die Notwendigkeit, etwas zu ändern, wird sich dann ganz schnell einstellen, aber je eher wir uns dieser Situation bewusst werden, umso besser werden wir darauf vorbereitet sein.

Oberst Markus Reisner @Sebastian Freiler
Bewährte Konzepte: Oberst Markus Reisner verweist im Nachgang des Gesprächs mit Militär Aktuell auf das in den 1970er-Jahren erschienene „Handbuch der geistigen Landesverteidigung”. „Die Inhalte sind nach wie vor aktuell, gelten so fast 1:1 auch für die Gegenwart.”

Apropos vorbereitet sein: Sie waren zuletzt zwei Jahre Kommandant der Garde, sind mit 1. März als Leiter des Instituts für Offiziersausbildung an die Theresianische Militärakademie gewechselt. Wie bereitet man die Fähnriche auf den Krieg vor?
Indem man ihnen in unterschiedlichsten Disziplinen so authentisch wie möglich zu vermitteln versucht, womit sie im Fall der Fälle konfrontiert werden könnten. Das Militär muss eine ganze Bandbreite an Fähigkeiten beherrschen, um in einem Konflikt bestehen zu können – und unsere Aufgabe hier ist es, diese Bandbreite mit Leben zu füllen. Das Herausfordernde dabei ist, dass man gemeinhin Erkenntnisse aus Kriegen der Vergangenheit vermittelt, dabei aber darauf vergisst, was der Konflikt der Zukunft möglicherweise mit sich bringt.

Gut vorbereitet zu sein ist das eine – einen Krieg vermeiden zu können, das andere. Wird sich das in den nächsten Jahren ausgehen? Werden wir weiterhin in Frieden leben?
Das kann Ihnen aktuell niemand beantworten. Wir schreiben gerade Geschichte und in einigen Jahren werden Tausende Bücher über unsere Zeit geschrieben. Dann wird – wie schon eingangs erwähnt – alles völlig logisch erscheinen. Aktuell müssen wir täglich mit neuen Entwicklungen, mit neuen Lagen und mit neuen Überraschungen wie dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober des Vorjahres rechnen. Eine Prognose abzugeben ist unmöglich.

Unter dem Strich sehen Sie die aktuelle Entwicklung sehr negativ, oder?
Ich versuche nur die Zeichen der Zeit zu deuten und würde mir nichts mehr wünschen, als dass ich mit meinen Einschätzungen falschliege. Aber es kommt aktuell an so vielen Ecken der Welt so viel zusammen, dass ich große Zweifel an einer positiven Zukunft habe. Unsere einzige Chance ist, die Entwicklungen jetzt richtig zu deuten und sich darauf vorzubereiten. Dann kann es uns gelingen, das Schlimmste zu verhindern. Gerade auch für Österreich.

Quelle@Sebastian Freiler