Während die Sanktionen Russlands Wirtschaft täglich mehr schädigen, verhelfen die westlichen Waffenlieferungen der Ukraine zu erstaunlichen Erfolgen. So ist der unlängst erfolgte Abzug russischer Truppen aus Cherson in hohem Maße auf den wochenlangen, präzisen Beschuss ihrer Kommando- und Versorgungseinrichtungen, der Bewegungslinien sowie der Zerstörung von Brücken über den Dnjepr zurückzuführen. Eine Analyse von Sicherheitspolitik-Experte Brigadier a. D. Walter Feichtinger.

Schon bald nach dem Angriff Russlands am 24. Februar hatte Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskij den Westen eindringlich um die Lieferung von Panzern, Flugzeugen und Artilleriegeschützen ersucht. Nachdem die Ukraine in den ersten Kriegstagen nicht – wie von Moskau erhofft – schnell überrannt und in die Knie gezwungen werden konnte, wurden diese Rufe auch erhört. Der Wunsch nach Einrichtung einer Flugverbotszone blieb allerdings – wie zu erwarten – unerfüllt. In den USA und in Europa überlegte man daher fieberhaft, wie Kiew am besten zu helfen sei.

Der Kampfpanzer ist obsolet! Wo sind die Kampfpanzer?

Im militärischen Bereich lässt sich die Unterstützung grob in drei Sektoren gliedern: erstens die Bereitstellung von Informationen zur Erstellung eines aktuellen Lagebildes, zweitens die Unterstützung bei der Planung, Organisation und Führung der Verteidigung (Command, Control, Communicate) sowie drittens die Lieferung militärischer Ausrüstung – vom Helm bis zum Kampfflugzeug. Eine direkte Beteiligung an den Kampfhandlungen war von vornherein ausgeschlossen.

Es gibt eine lange Liste mit den wichtigsten Unterstützern und deren Beiträgen. Sie ist öffentlich, wodurch einerseits ein gewisser Druck auf die einzelnen Staaten entsteht und andererseits Russland die starke Abwehrfront signalisiert wird. Die USA stehen mit Stand Ende November 2022 an der Spitze, sie haben bis dahin Waffen und Ausrüstung im Wert von 18,1 Milliarden Euro geliefert oder versprochen. Bis Oktober erhielt die Ukraine insgesamt knapp 92 Milliarden Euro an Hilfszusagen – davon 40,3 Milliarden Euro für militärische Zwecke wie Waffen, Beratung, Training oder Munition. Es sind vor allem moderne, weitreichende Artilleriesysteme und Panzerfahrzeuge, die das Kriegsgeschehen maßgeblich beeinflussen und Russlands Pläne empfindlich durchkreuzen. Als Nebeneffekt führen die umfangreichen Waffenlieferungen in Europa zu einer „Typenbereinigung” und Standardisierung. So fließen Waffen und Munition aus sowjetischer Erzeugung in die Ukraine. Sie können dort unverzüglich eingesetzt werden, da die ukrainische Armee damit vertraut ist. Im Gegenzug füllen die Länder ihre Bestände mit neuem, westlichem Gerät auf, was eine Modernisierung ihrer Arsenale bewirkt.

„Allen Seiten ist klar, dass jede Ausweitung oder Reduktion militärischer Hilfe maßgebliche Auswirkungen auf die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine hätte.“

Es liegt auf der Hand, dass der Krieg in der Ukraine ohne westliche Unterstützung und Waffenlieferungen einen anderen Verlauf genommen hätte. Vermutlich würden die russischen Truppen am Dnjepr stehen und hätten Odessa eingenommen. Die Widerstandskraft des ukrainischen Militärs wäre höchstwahrscheinlich aufgrund der Verluste an Personal und an Material erheblich geschrumpft, während Wladimir Putins Truppen nicht diese immensen Verluste erlitten hätten. Moskau blieb die verheerende Wirkung der Unterstützung natürlich nicht verborgen. Der Kreml bezichtigt deshalb die Lieferländer der direkten Einmischung in den Krieg, setzt aber selbst Drohnen aus dem Iran ein. Westliche Lieferungen werden deshalb sicher nicht gestoppt werden. Allen Seiten ist aber klar, dass jede Ausweitung oder Reduktion militärischer Hilfe maßgebliche Auswirkungen auf die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine hätte.

Quelle@Picturedesk
Sicherheitspolitik-Experte Brigadier a. D. Walter Feichtinger ist Präsident des Center for Strategic Analysis (CSA). Von 2002 bis 2020 war er Leiter des Instituts für Friedenssicherung und Konfliktmanagement an der Landesverteidigungsakademie.