Die mühsame Verständigung der beiden Präsidentschaftskandidaten nach den abermals heftig umstrittenen Wahlen  auf die Machtverteilung ist wohl nur ein Hinweis auf zukünftige Machtkämpfe. Allerdings wird die westliche Staatengemeinschaft weniger mitzureden haben, da mit Ablauf des Mandats für die internationale Unterstützungstruppe ISAF auch deren Interesse, Verantwortungs­gefühl und Engagement – trotz aller gegenteiligen politischen Beteuerungen – nachlassen wird.

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Immer wieder kommt es in Afghanistan zu Kämpfen und Auseinandersetzungen.

Damit wird die Angst vieler Afghanen, wie nach dem endgültigen Abzug der Sowjettruppen 1989 vom Westen wieder alleingelassen zu werden, wohl Bestätigung finden. Zwar wird die NATO (Operation „Resolute Support”) im Zusammenwirken mit zahlreichen zivilen Programmen noch über einige Jahre den Staatsaufbau begleiten und unterstützen, die Verantwortung liegt aber voll in afghanischen Händen, auch im Sicherheitsbereich. Dabei wird sich rasch zeigen, wie stark die gefürchteten Taliban tatsächlich sind und wo sich welche politischen und militärischen Gegenkräfte formieren können. Die Nachbarschaft mit Pakistan wird infolge der grenzüberschreitenden paschtunischen Siedlungsgebiete und der Rückzugsmöglichkeiten für die Taliban weiterhin problematisch bleiben. Indische Unterstützungsangebote wiederum zielen häufig eher auf den Rivalen Pakistan als auf die Entwicklung Afghanistans. Im Iran wiederum steigt die Angst vor einem ungehinderten Drogenfluss aus dem Östlichen Nachbarland.

Die geopolitische Bedeutung Afghanistans hat mit dem Abzug des Gros der US-Truppen an Bedeutung abgenommen, da sich der Kampf gegen islamische Extremisten nun nach Syrien und in den Irak verlagert hat. Der Drogenanbau stand nie im Zentrum der Gegenmaßnahmen, er stellt primär ein Problem für europäische Staaten und Russland dar. Ein Hoffnungsschimmer besteht darin, dass sich im Verlauf des ausländischen Engagements seit 2001 zivilgesellschaftliche Kräfte gebildet haben, die bereit sind, sich für ein moderneres Afghanistan zu engagieren und einzusetzen.

Lesen Sie dazu auch die Analyse „Endlich Hoffnung auf Frieden?” von IFK-Experte Markus Gauster. Hier geht es außerdem zu weiteren Beiträgen von IFK-Leiter Brigadier Walter Feichtinger.

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Der Autor ist seit 2002 Leiter des Instituts für Friedenssicherung und Konfliktmanagement (IFK) an der Landesverteidigungsakademie.