Wie bereits in mehreren Beiträgen zum indischen „Fighter-Dilemma” thematisiert, betreibt die Indische Luftwaffe (IAF) derzeit 31 Geschwader mit jeweils 16 bis 18 Jets. Diese Zahl liegt weit unter der vom Parlament und der politischen Führung seit vielen Jahren als erforderlich festgelegten Sollstärke von 42 oder 43 Geschwadern, die notwendig wäre, um gleichzeitig Bedrohungen aus Pakistan und China zu begegnen. Deswegen überlegt die IAF, weitere 114 Rafale zu beschaffen.
Mit der für nächsten Monat geplanten Ausmusterung der letzten „Bisons” nach 62 Dienstjahren – von insgesamt rund 870 MiG-21, von denen seit 1963 etwa 400 abgestürzt sind – wird die Flotte weiter auf 29 Staffeln schrumpfen. Dies wäre der niedrigste Stand in der Geschichte seit 1947. Angesichts dieses strukturellen Defizits fordert Luftmarschall A. P. Singh daher dringend die jährliche Beschaffung von 35 bis 40 Kampfflugzeugen, um die Ausmusterung alter Jets zu kompensieren. Dies zusätzlich zu den 260 Su-30MKI (von denen viele bereits modernisiert werden), den Mirage-2000, den Jaguars und dem Zulauf der indigenen HAL Tejas Mk.1A.

Die seit 2010 laufenden Programme MMRCA und seit 2018 MRFA trugen, wie von Marschall Singh beklagt, bisher nicht zur Abhilfe bei. In der Ära von Premierminister Narendra Modi wurde deshalb der direkte Weg über Regierungsabkommen mit Frankreich gewählt, Ausschreibungen hin oder her. 2015 vereinbarte Modi mit Präsident François Hollande den Kauf von 36 Rafale, die ab 2020 geliefert wurden.
Mindestens 14 davon waren bereits im scharfen Einsatz gegen Pakistan (-> Luftschlacht über Indien und Pakistan). Zumindest eine Maschine, offenbar die erste gelieferte, ging verloren, was offiziell nur kryptisch bestätigt, jedoch im Parlament diskutiert wurde. Am 28. April dieses Jahres folgte ein weiterer Vertrag über 26 Rafale-M (22 plus 4 Trainer) im Wert von 6,5 Milliarden Euro als Ersatz für die MiG-29K auf dem Träger „INS Vikrant”.
Nun nochmals 114 Stück
Da dies die Lücke der Luftwaffe jedoch noch immer nicht schließt, will die Regierung laut einem Bericht von „Times of India” einen G2G-Vertrag über weitere 114 Rafale F4 vorantreiben – das entspricht sechs bis sieben Geschwadern. Die IAF plant, diesen Schritt als „Acceptance of Necessity” (AoN), einen frühen, aber wesentlichen Teil des indischen Beschaffungsprozesses, bis Oktober beim Defence Acquisition Council (DAC) einzureichen. Danach soll die endgültige Regierungsentscheidung erfolgen. Argumentiert wird, dass ein direkter G2G-Kauf wirtschaftlicher und logistisch sinnvoller wäre, da das Muster bereits eingeführt ist, anstatt eine neue globale Ausschreibung (mit Gripen, F-16 Block 70, Su-35 und anderen) durchzuführen.
Das Vorhaben fällt in eine Phase vertiefter französisch-indischer Industriezusammenarbeit. Im Juni unterzeichneten Dassault und Tata Advanced Systems (TASL) im Rahmen der „Make in India”- und „Atmanirbhar Bharat”-Politiken vier Verträge zur Fertigung von Rafale-Rümpfen in Hyderabad. Damit werden erstmals komplette Rumpfsektionen – einschließlich vorderer, mittlerer und hinterer Baugruppen – außerhalb Frankreichs produziert, sowohl für Indien als auch für mögliche Exportkunden. Die Produktion soll im Geschäftsjahr 2028 mit bis zu zwei Rümpfen pro Monat starten.
Knackpunkt Quellcodes
Das bislang größte Exportgeschäft für Dassault unter CEO Éric Trappier hätte ein Volumen von rund 15,5 bis 17,2 Milliarden Euro. Doch der zentrale Streitpunkt ist Indiens Forderung nach Zugang zum Quellcode der Rafale. Indien will, einer Art nationalem „Open Source”-Ansatz folgend, bestehende und künftige Eigenentwicklungen wie den BVR-Lenkflugkörper ASTRA oder den Anti-Radar-Flugkörper RUDRAM – und möglicherweise auch andere internationale Außenlasten – in das Rafale-Ökosystem integrieren.
Die französischen Hersteller Dassault, Safran, Thales und MBDA lehnen dies bislang ab. Ihre Begründung: Die Softwarearchitektur sei jahrzehntelang gewachsenes, hochsensibles industrielles Know-how und könne nicht einfach an ausländische Betreiber übergeben werden. Ein solcher Zugang wäre nur mit dauerhaft strengen Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der proprietären Technologien denkbar – ein Hindernis, das laut indischen Berichten bisher unüberwindbar erscheint.
Der indische Wunsch ist angesichts des beabsichtigten „All In” auf das französische Muster nachvollziehbar, schließlich scheint Indien damit auch Gedankenspiele zu F-35 oder Su-57E endgültig ad acta gelegt zu haben. Für andere potenzielle Rafale-Kunden ist der Quellcode jedoch kein entscheidender Faktor. Bei den in Europa bevorstehenden Eurofighter-Nachfolge-Ausschreibungen sind etwa keine vergleichbaren Hürden durch nationale Bewaffnung zu erwarten. Und die Meteor-Lenkwaffe ist für die Rafale ohnehin verfügbar.








