Im Dezember 2025 wurden den polnischen Streitkräften die ersten Schützenpanzer vom Typ Borsuk übergeben. Es ist ein Meilenstein. Denn der Borsuk ist eine weitgehend polnische Entwicklung, hochmodern und für den Export geeignet.

Das sei der erste von Grund auf neu entwickelte und in Polen hergestellte Schützenpanzer, der von der polnischen Armee genutzt werde, erklärte Wladyslaw Kosiniak-Kamysz feierlich während der Vertragsunterzeichnung für die ersten Fahrzeuge des Programms Borsuk, zu Deutsch „Dachs”, im März vergangenen Jahres. Der polnische Verteidigungsminister sparte mit Blick auf das Kriegsgerät nicht an Superlativen: von „absoluter Konkurrenzfähigkeit” und der „höchsten Produktklasse” sprach er.

111 Borusk werden in einer ersten Tranche vom Produzenten HSW in Stalowa Wola im Karpatenvorland gefertigt, die ersten 15 wurden im Dezember den polnischen Streitkräften übergeben. Möglich ist diese rasche Umsetzung, da der Produzent in Vorleistung gegangen war und mit der Produktion schon begonnen hatte; fünf Exemplare befanden sich als Prototypen bereits im Bestand der Armee. Der Rahmenvertrag sieht die gewaltige Anschaffung von 1.400 Fahrzeugen vor.

©Militär Aktuell

Tatsächlich stellt der Borsuk für Polen gleich in mehrfacher Hinsicht eine Zeitenwende dar. Für die Streitkräfte ist er ein gewaltiger Technologieschritt. Denn der Schützenpanzer zählt zum Modernsten, was es derzeit auf dem Markt gibt und ersetzt in Polen Fahrzeuge, die noch in der Sowjetunion entworfen wurden, namentlich den BWP-1. Der Borsuk nun verfügt über eine zeitgemäße Bewaffnung, bietet entsprechend Schutz und ist für ein vernetztes Gefecht ausgelegt. Der Schützenpanzer entspricht demnach den Richtlinien von NATO-Armeen; er ist auf die Abwehr von Drohnen ausgerichtet und ist amphibisch. Dass der Borsuk sich ohne zusätzliche Aufsätze durch Flüsse oder Seen bewegen kann, ist eine Besonderheit des Modells, das es von der Konkurrenz, dem Lynx von Rheinmetall oder dem schwedischen CV90 von BAE Systems, abhebt.

„Vor allem aber ist das Programm wichtig für die polnische Industrie. Denn es handelt sich beim Borsuk um ein wirklich polnisches Produkt. Das gab es so noch nie”, erklärt Marek Swierczynski im Gespräch mit Militär Aktuell. Der renommierte Sicherheitsexperte der Warschauer Denkfabrik „Polityka Insight” sieht den mit 28 Tonnen relativ leichten und sogar schwimmfähigen Borsuk als „definitiv für den Export geeignet”.

Borsuk-Schützenpanzer – ©US Army National Guard photo by Staff Sgt. Matthew A. Foster
Der Borsuk-Schützenpanzer soll primär den Bedarf der polnischen Streitkräfte decken, darüber hinaus aber auch am Exportmarkt Interesse wecken.

Die Plattform ist in der Tat ein Werk der polnischen Industrie. Damit wird ein Mehrwert im Land geschaffen. Auf den ersten Blick mag das nicht wie ein Novum wirken. Schließlich gelangte die selbstfahrende Haubitze Krab aus polnischer Produktion 2022 zu Bekanntheit. Polen übergab etliche Exemplare der ukrainischen Armee. Die AHS Krab, so die vollständige Bezeichnung – AHS ist das polnische Kürzel für selbstfahrende Haubitze –, wird ebenfalls von HSW zusammengesetzt. Die wesentlichen Komponenten wie auch das Design der Haubitze indes stammen von ausländischen Produzenten, aus Südkorea, Großbritannien und Deutschland.

Der Borsuk nun ist nicht nur von Bedeutung für die polnische Industrie, er markiert auch einen Strategiewechsel in Polens Rüstungsbeschaffung – was in europäischen Hauptstädten aufmerksam mitverfolgt werden dürfte. Denn kein NATO-Land hat in den vergangenen Jahren mit einem Tempo aufgerüstet wie Polen und dabei seinen Partnern Anerkennung abgerungen.

Polen auf dem Weg zur stärksten Armee Europas

Als Nachbarland der von Russland überfallenen Ukraine fühlt sich Polen besonders bedroht. Es ist schon jetzt einer Zunahme „hybrider Aktivitäten” ausgesetzt: Sabotage, Spionage und nicht zuletzt der von Russlands verbündetem Belarus seit 2021 an der polnisch-belarussischen Grenze inszenierten Migrationskrise.

In der Bevölkerung führt das zu einem ausgeprägten Verständnis für erhöhte Verteidigungsausgaben. Explodierende Kosten und mangelnde Transparenz bei der Beschaffung werden oft gar nicht erst in Frage gestellt. Es ist ein Grund, warum es Polen möglich war, nach Russlands Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 Rüstungskäufe so zügig zu tätigen, wie kein anderes NATO-Land.

„Das lief alles unter einem ‚dringenden Operationsbedarf’. In so einem Fall gibt es keine Ausschreibung, keine Tests, nichts”, sagt Experte Swierczynski über Polens Beschaffung, die noch unter der Regierung der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) an Fahrt aufnahm. „Eigentlich ist dieses Verfahren eine Ausnahme. Die PiS hat es zur Regel gemacht.” Aber er kritisiere das nicht, so Swierczynski. „Nach Ausbruch des Krieges hat Polen ausgesprochen viel Gerät an die Ukraine gegeben, etwa dreißig Prozent der Bestände.” Diese Bestände sollten schnell aufgefüllt werden.

FA-50-Kampfjet – @Arkadiusz Molis
Polen hat zahlreiche Systeme in Südkorea bestellt – unter anderem auch 48 Stück des Mehrzweck-Fighters KAI FA-50.

Gerade in Südkorea hat Polen gekauft, was sofort verfügbar war. Polen, das größte Land an der NATO-Ostflanke, wird bald schon über die größten europäischen NATO-Streitkräfte verfügen, vor allem die Landstreitkräfte lassen die von Frankreich, Deutschland oder Italien klein aussehen. Dass Warschau marktverfügbar gekauft hat, hat allerdings dazu geführt, dass Polen über teils unterschiedliche Modelle in denselben Waffengattungen verfügt, was Instandhaltung und Logistik erschwert. Bei Kampfpanzern hat Polen etwa 250 Leopard 2 im Bestand, ausgeliefert oder bestellt sind insgesamt etwa 1.000 südkoreanische K2-Kampfpanzer und etwa 400 amerikanische Abrams-Panzer. Ein ähnliches Durcheinander herrscht bei Raketenartillerie oder selbstfahrenden Haubitzen.

Mit dem Schützenpanzer Borsuk nun scheint Polen die heimische Industrie in den Blick zu nehmen. „Mit der Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Donald Tusk sind wir in eine neue Phase getreten: Ich sehe jetzt ein längeres Nachdenken über Ausrüstung und Konzepte”, sagt Experte Swierczynski. Die Zeit der Blitzbestellungen ist demnach vorbei.

Hier geht es zu aktuellen Meldungen rund um Polens Streitkräfte.

Quelle©US Army National Guard photo by Staff Sgt. Matthew A. Foster, Arkadiusz Molis