Anfang Dezember 2025 verabschiedete sich der US-amerikanische Darsteller (Reenactor) und Historiker Mark Schneider von seiner Rolle als Napoleon Bonaparte. Rund 20 Jahre lang verkörperte er den Kaiser der Franzosen und prägte die Reenactment-Szene in Europa maßgeblich. Im Interview mit Militär Aktuell sprach er über zwei Jahrzehnte in der Rolle Napoleons.

Herr Schneider, wie ist es dazu gekommen, dass Sie die Rolle von Napoleon Bonaparte übernommen haben?
Ich habe mich schon immer für Napoleon begeistert. In seine Rolle als Darsteller schlüpfte ich jedoch erst im Jahr 1998. Zu dieser Zeit nahm ich in den Vereinigten Staaten an Reenactments in einer Gruppe namens Brigade Napoléon teil und war Mitglied der 7e Hussards, einer französischen Kavallerieeinheit.

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Zur Förderung dieser Organisation war eine Presseveranstaltung im Rahmen eines Events auf dem Anwesen Ballestone Manor im Bundesstaat Maryland geplant. Ein guter Freund von mir fragte mich, ob ich bei dieser Veranstaltung Napoleon darstellen könnte, da Napoleon für die Besucher eine besonders ikonische und leicht wiedererkennbare Persönlichkeit ist.

Schon Anfang desselben Jahres hatten wir an einer Konferenz der Napoleonic Society of America in Williamsburg im Bundesstaat Virginia teilgenommen. Dort gab es einen Händler mit verschiedenen napoleonischen Ausrüstungs- und Sammlerstücken, der auch eine Napoleon-Uniform zum Verkauf anbot. Ich probierte sie an – und sie passte perfekt. Damit begann meine Laufbahn als Napoleon-Darsteller. Es folgten weitere Auftritte bei Veranstaltungen und in Museen sowie die Mitwirkung an verschiedenen Dokumentationen.

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Und wann begann Ihre eigentliche internationale Karriere?
Erst im Jahr 2005 wurde ich nach Europa gerufen, um Napoleon darzustellen. Nach meinem erfolgreichen Auftritt in der 190-jährigen Nachstellung der Schlacht von Waterloo wurde ich kurz darauf zu zahlreichen Veranstaltungen anlässlich des 200-jährigen Jubiläums (1805–2005) eingeladen, unter anderem in Austerlitz, Jena und Berlin.

Napoleon ist eine komplexe Figur. Was war für Sie persönlich die größte Herausforderung, ihn glaubwürdig zu verkörpern?
Napoleon ist zweifellos eine äußerst komplexe historische Persönlichkeit, und um ihn glaubwürdig darzustellen, muss man sich wirklich in den Geist und in den Körper des Kaisers hineinversetzen. Ich bin für die Colonial Williamsburg Foundation tätig, wo ich täglich Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts darstelle, die an der Amerikanischen Revolution beteiligt waren. Diese Arbeit hat mich sehr gut auf meine Rolle als Napoleon vorbereitet.

Mark Schneider als Napoleon Bonaparte in Uniform eines Generals der Französischen Republik – ©Privat/Michaela Wecker
Mark Schneider als Napoleon Bonaparte in Uniform eines Generals der Französischen Republik.

Für mich ist ein umfassendes wissenschaftliches Studium Napoleons unerlässlich; und auf dieses bereite ich mich im Grunde schon mein ganzes Leben lang vor. Dabei befasse ich mich nicht nur mit den Fakten seines Lebens, seiner Familie und seinen Feldzügen, sondern ebenso mit seiner Persönlichkeit, seinen Gesten, seinem Auftreten und seiner Sprache.

Diese Rolle verlangt von mir außerdem, ein sicherer und selbstbewusster Reiter zu werden, die Uniformen und die Organisation der Truppen genau zu kennen und über ein tiefgehendes Wissen der Ereignisse zu verfügen, an denen ich teilnehme, damit ich gewissermaßen so handeln kann, wie Napoleon gehandelt hat, und sagen kann, was Napoleon gesagt hat – und so die Darstellung für das Publikum möglichst genau und authentisch wird.

Wenn Sie auf rund 20 Jahre als Napoleon Bonaparte zurückblicken: Gab es einen Auftritt oder einen Moment, in dem Sie gespürt haben – das war der Höhepunkt?
In den mehr als zwanzig Jahren, in denen ich Napoleon darstellte, gab es viele Höhepunkte. Eigentlich empfinde ich diese Rolle jedes Mal als eine große Ehre und ein besonderes Privileg; ein Auftritt sticht jedoch ganz besonders hervor.

Ich nahm an den Feierlichkeiten zum 200. Jahrestag der Schlacht bei Jena (14. Oktober 1806) teil. Nach meiner Rückkehr in die USA wurde ich von einer Organisation namens Berlin Story kontaktiert, die Napoleons Einzug in Berlin am 27. Oktober 1806 nachstellen wollte. Ich sagte zu, rechnete jedoch nicht mit einer großen Veranstaltung, da es sich aus deutscher Sicht nicht um einen besonders ruhmreichen Moment der Geschichte handelt.

Mark Schneider als Napoleon Bonaparte – ©Privat/Joeri de Rocker
Um Napoleon glaubwürdig darzustellen, musste sich Mark Schneider kräftig in den Geist und in den Körper des Kaisers hineinversetzen.

Bereits am Tag vor der Veranstaltung wurden einige Fotos von mir in der Rolle Napoleons für die Öffentlichkeitsarbeit aufgenommen. Doch erst der eigentliche Veranstaltungstag war überwältigend. Schätzungsweise 20.000 bis 30.000 Menschen kamen, um das Ereignis zu sehen. Fernsehteams, Zeitungen und unzählige Besucher waren in großer Zahl vor Ort – es war einfach unglaublich.

Damals ritt Napoleon triumphal durch das Brandenburger Tor …
Genau. Ich ritt auf einem wunderschönen Schimmel und wurde gebeten, durch das Brandenburger Tor zu reiten – genau wie Napoleon es einst getan hatte –, um anschließend den Stadtschlüssel entgegenzunehmen. Die Menschenmenge war riesig, und ich wusste nicht, wie mein Pferd auf diese Situation reagieren würde. Doch es verhielt sich vollkommen ruhig, als ich vor dieser gewaltigen Kulisse durch das Tor ritt.

Ich verlas die historische Proklamation Napoleons und nahm anschließend den Schlüssel der Stadt entgegen. Dieser Moment ist für mich unvergesslich. Am nächsten Tag war das Ereignis in allen Zeitungen und Nachrichtensendungen präsent. Am darauffolgenden Tag erhielt ich – genau wie Napoleon 200 Jahre zuvor – eine private Führung durch Schloss Sanssouci, den Palast Friedrichs des Großen. Es war ein zutiefst beeindruckender und einzigartiger Moment.

Napoleons Uniformen verkörpern die einzelnen Epochen seiner Karriere – man denke nur an die reich verzierte Generaluniform der Ersten Republik, die „grüne” Uniform eines Obersten der beritten Garde-Jäger (Chasseurs à cheval), die „blaue” der Garde-Grenadiere (Grenadiers à pied) oder eben der ikonische graue Mantel. Wie viele dieser „Identitäten” hängen in Ihrem Kleiderschrank. Gibt es eine, zu der Sie eine besondere Beziehung haben?
Seit ich Napoleon darstelle, ist es meine Aufgabe, Uniformen zu beschaffen, um ihn für die jeweilige Phase seines Lebens und für die konkrete historische Situation möglichst authentisch wiederzugeben. Ebenso gehört es zu meiner Verantwortung, die Uniformen im Laufe der Zeit zu pflegen und kontinuierlich zu verbessern.

Napoleons Einzug in Berlin am 27. Oktober 1806 (2006) ©Privat
Veranstaltung zu Napoleons Einzug in Berlin am 27. Oktober 1806 (2006).

In meiner Napoleon-Garderobe befindet sich unter anderem die Uniform des Generals Bonaparte aus den 1790er-Jahren, wie er sie während seiner Feldzüge in Italien und Ägypten trug. Außerdem besitze ich drei Versionen seiner Uniform als Oberst der Chasseurs à cheval de la Garde impériale. Dies war die Uniform, die Napoleon am häufigsten trug – in der Regel an allen Wochentagen außer sonntags. An Sonntagen trug er gewöhnlich stattdessen die Uniform als Oberst der Grenadiers à pied de la Garde. Ich verfüge über mehrere grauen Überröcke, darunter auch eine blaue Variante, die weniger bekannt ist. Ebenso besitze ich die weiße Redingote, so wie sie Napoleon während seines Exils auf St. Helena häufig trug.

Napoleon ist vor allem für seine ikonische Kopfbedeckung, den Zweispitz bekannt. Besitzen Sie welche?
Während seiner Kaiserzeit ließ Napoleon mehr als 160 Zweispitze anfertigen, von denen bis heute über 30 erhalten sind. In meiner eigenen Sammlung befinden sich vier unterschiedliche Replikate. Sogar eine Reproduktion seines Strohhutes aus der Zeit auf Sankt Helena gehört zu meiner Ausstattung.

Zu den Uniformen selbst kommen die sogenannten „kleinen Kleidungsstücke” – also Kniehosen, Westen, Hemden und Halsbinden. All diese Stücke müssen individuell auf mich angepasst sein, und nach über zwanzig Jahren Nutzung sind viele von ihnen abgetragen und müssen ersetzt werden. Auch passende Koppeln und Säbelgehänge gehören zur Ausrüstung. Unter anderem ließ ich einen besonders schönen Säbelgurt aus rotem marokkanischem Leder anfertigen, der von einem Lederhandwerker per Hand genäht wurde. Meine Stiefel stammen aus Italien und wurden nach Vorbildern gefertigt, wie sie Napoleon tatsächlich trug.

Wie Sie sich vorstellen können, ist es also keineswegs einfach, sich als Napoleon zu kleiden, doch all dies trägt entscheidend zur historischen Genauigkeit und zur Glaubwürdigkeit der Darstellung bei.

Reenactment einer historischen Schlacht bedeutet für viele Pulverdampf, Aktion und Gemeinschaft. Was bedeutet Living History ganz persönlich für Sie?
Wenn Sie zehn verschiedene Menschen fragen, was Reenactment für sie bedeutet, erhalten Sie zehn unterschiedliche Antworten. Eines jedoch haben wir alle gemeinsam: die Liebe zur Geschichte und den Respekt vor jenen, die für ihre Überzeugungen gekämpft haben und dabei ihr Leben ließen.

Die Inszenierung einer historischen Schlacht bedeutet Pulverdampf, Aktion und Gemeinschaft – ©Privat/Kateřina Adamusová
Die Inszenierung einer historischen Schlacht bedeutet Pulverdampf, Aktion und Gemeinschaft.

Ich liebe die Uniformen, das Lagerfeuer, den Geruch von Schwarzpulver und die Kameradschaft, die sich im Laufe von mehr als zwanzig Jahren entwickelt hat. Es sind Freundschaften fürs Leben, und ich bin sehr dankbar für all die Kontakte, die durch das Reenactment entstanden sind.

Ich bin überzeugt, dass wir durch Reenactment und durch das Studium der Vergangenheit aus der Geschichte lernen können. Reenactment ist ein wunderbares Mittel, um der Welt ihre eigene Vergangenheit näherzubringen.

Austerlitz und Waterloo markieren Triumph und Untergang im Leben von Napoleon und werden bis heute mit großem Aufwand in Belgien und Tschechien von tausenden Teilnehmern nachgestellt. Was unterscheidet für Sie die Darstellung Napoleons in diesen beiden Schlachten? Und verändert sich auch Ihre innere Haltung dabei?
Ich hatte die Ehre, Napoleon auf beiden Schlachtfeldern bereits mehrfach darzustellen, und es gibt tatsächlich einen deutlichen Unterschied darin, wie ich ihn bei diesen beiden Reenactments verkörpern muss.

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Zwischen den beiden Schlachten liegen zehn Jahre, in denen sich für Napoleon und sein Reich sehr viel verändert hatte. In Austerlitz befindet sich Napoleon auf dem Höhepunkt seiner Macht. Er hat aus den vorherigen Kriegen gelernt und verfügt nun über die beste Armee, die die Welt zu diesem Zeitpunkt je gesehen hatte. Napoleon ist voller Energie und Selbstvertrauen, inspiriert seine Soldaten unablässig und galoppiert von einem Punkt des Schlachtfeldes zum anderen, um sich persönlich ein Bild von der Lage zu machen. Genau dieses Bild versuche ich bei meiner Darstellung in Austerlitz zu vermitteln.

Waterloo hingegen markiert das Ende des Kaiserreiches und zugleich das Ende einer ganzen Epoche. Napoleon wirkt dort deutlich erschöpfter, gesundheitlich angeschlagen und verbringt wesentlich weniger Zeit im Sattel. All dies muss in der Darstellung berücksichtigt werden, um zu zeigen, wie Napoleon zu diesem Zeitpunkt tatsächlich war.

Zum Abschluss: Wir kennen Sie als Napoleon Bonaparte – aber wer ist der Mensch Mark Schneider, wenn der Zweispitz abgelegt ist? Was begeistert Sie jenseits der Geschichte?
Wer ist Mark Schneider? Diese Frage stelle ich mir manchmal selbst. Durch meine Arbeit schlüpfe ich die meiste Zeit in verschiedene Rollen und habe nur selten die Gelegenheit, einfach ich selbst zu sein. Es ist für mich immer wieder erstaunlich, dass mir in den sozialen Medien häufiger an Napoleons Geburtstag gratuliert wird als an meinem eigenen.

Mark Schneider als Napoleon Bonaparte – ©Privat/Michaela Wecker
Mark Schneider als Napoleon Bonaparte.

Mark Schneider ist ein großer Liebhaber der Geschichte. Meine Mutter war Französin und hat mir eine tiefe Liebe zu Frankreich, zu seiner Kultur und seiner Geschichte vermittelt. Bis heute habe ich Familie in Frankreich. Als ich ein kleiner Junge war, bekam ich von einem französischen Cousin ein Spielzeugsoldaten-Set geschenkt – mit Napoleon und einigen Soldaten seiner Garde. Von diesem Moment an, so sagte meine Mutter später oft, war ich „infiziert”. Während alle anderen Kinder in der Grundschule Bilder von Superman oder Batman auf ihren Schreibtischen hatten, stand bei mir Napoleon. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich den berühmten Film Waterloo aus dem Jahr 1971 mit Rod Steiger und Christopher Plummer sah. Die Pracht, die Größe und das Schauspiel all dieser Menschen in Uniformen, mit Pferden und Kanonen, haben mein Leben nachhaltig geprägt.

Doch wer ist Mark Schneider, wenn ich den Zweispitz abnehme? Ein Mensch, der Geschichte und Pferde liebt und wenn er etwas tun kann, das beides miteinander verbindet, ist er am glücklichsten. Ich habe einen wunderbaren Sohn, der mir alles bedeutet. Ich liebe meine Arbeit in Colonial Williamsburg. Ich bin ein begeisterter Leser – natürlich vor allem historischer Bücher – und ich liebe Sport, Reisen und Wargame mit Miniaturen.

Ich hoffe, dass man sich eines Tages an mich als jemanden erinnern wird, der eine echte Leidenschaft für Geschichte hatte und den Wunsch verspürte, dieses Wissen an andere weiterzugeben.

Quelle©Privat/Michaela Wecker, Kateřina Adamusová, Joeri de Rocker