Schon traditionell findet aktuell bis zum 16. September wieder die gemeinsame russisch-belarussische Übung „West-2025” („Запад–2025”, „Sapad 2025”) statt. Die Moskauer Propaganda nennt sie eine „Demonstration der Einheit und Stärke von brüderlichen Nationen”. Laut dem belarussischen Verteidigungsminister Viktor Khrenin will man „bereit sein, feindliche Angriffe abzuwehren”.

„Sapad 2025”: Russischer Schatten über Europa – ©Archiv
Putin und Lukaschenko lassen während „Sapad-2025” auch den Einsatz von Atomwaffen und Oreshnik üben.

„Wir verfeinern regelmäßig die Struktur der Streitkräfte, nehmen Änderungen an Dokumenten, Formularen und Handlungsweisen der Truppen vor. Wir verfolgen aufmerksam die Entwicklung der Mittel des bewaffneten Kampfes, die sich heute ebenfalls sehr schnell entwickeln – zum Beispiel unbemannte Luftfahrzeuge, die auf dem Schlachtfeld gravierende Veränderungen bewirken können”, so Khrenin.

„Sapad” – die Übungen an Russlands Westflanke

Die „Sapad”- oder „Zapad”-Manöver bereiten der NATO regelmäßig Sorgen. Denn obwohl die Wortwahl stets den Verteidigungscharakter der Übungen in den Vordergrund stellt, zeigen die Analysen der Übungen, dass es sich oft um „Vorwärtsverteidigung” handelt. Mit anderen Worten, Russland und Belarus üben nach dem Konzept „Angriff ist die beste Verteidigung”.

Schon 2017 warnte der damalige Kommandeur der US-Streitkräfte in Europa, General Ben Hodges, davor, dass die Übungen ein „Trojanisches Pferd” sein könnten. Sie würden es Moskau ermöglichen, Truppen und Ausrüstung nach Weißrussland zu verlegen und dort für einen späteren Einsatz zu belassen.

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Der Einsatz von Luftlandetruppen bei Verteidigungsübungen gegen die NATO ist eher untypisch. Hoffnungen auf die erforderliche Lufthoheit könnte sich Russland kaum machen.

Dass Hodges mit seiner Analyse zu 100 Prozent ins Schwarze traf, zeigte sich im Zuge von „West–2021”. Ein Abzug der rund 200.000 Mann starken Truppe nach der Übung fand nicht statt. Die Moskauer Propaganda leugnete die Absicht, die Ukraine angreifen zu wollen. Über ihre bekannten westlichen Sprachrohre und über soziale Medien wurde bis zuletzt der NATO Propaganda unterstellt. Fakt ist, vor allem die US-Geheimdienste lagen mit ihrem veröffentlichten Angriffstermin Russlands auf die Ukraine Ende Februar 2022 nur um wenige Tage daneben (-> Aktuelle Meldungen aus dem Ukraine-Krieg).

„Sapad-2021” spielte somit eine zentrale Rolle beim Angriff auf die Ukraine. Die Truppen verblieben in Weißrussland für eine Militärübung Mitte Februar 2022, welche nur als Vorwand diente, um die Truppenverbände in Folge in die Ukraine einmarschieren zu lassen.

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Den vorläufigen Schätzungen der NATO zufolge umfasst die russisch-weißrussische Truppenstärke der „West–2025” nicht die behaupteten 13.000 Soldaten, sondern bis zu 150.000 Soldaten. Übungen über 13.000 Soldaten erfordern gemäß OSZE-Regeln obligatorische Inspektionen durch ausländische Fachleute. Die Zahl 13.000 ist also nicht zufällig gewählt.

Zusammen mit den Kräften der „Sapad-2025” finden auch andere Großübungen im Rahmen der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) statt. Die OVKS ist das russische Gegenstück zur NATO. Trainiert wird mit kollektiven Einsatzkräften, Aufklärungsverbänden sowie Logistik- und Versorgungstruppen.

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Die Übungen der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) mit den Titeln „Interaktion-2025”, „Suche-2025” und „Echelon-2025” haben in Weißrussland offiziell begonnen.

Angriff als Verteidigung

Die behauptete generell defensive Ausrichtung der Übungen sehen Fachleute nicht. Stattdessen werden regelmäßig Angriffe auf Polen und das Baltikum geübt. Im Fokus steht dabei die Suwałki-Lücke. Der schmale Korridor zwischen Weißrussland und der russischen Enklave Kaliningrad – das ehemals deutsche Königsberg – verbindet Polen und Litauen.

Eine Abriegelung des 100 Kilometer breiten Korridors im Kriegsfall würde die baltischen EU-/NATO-Staaten Estland, Lettland und Litauen vor große Probleme stellen.

Ein ähnliches Szenario im Süden steht aktuell ebenfalls im Fokus der Strategen. Aus dem Süden Weißrusslands sind es 400 Kilometer über ukrainisches Territorium bis nach Moldawien. Mit einer Abriegelung hier bliebe nur eine 100 Kilometer breite Schneise zwischen Rumänien und der Ukraine an der Schwarzmeerküste als letzte Landverbindung zwischen der NATO und der Ukraine. Diese ist unterbrochen vom Dnister-Liman – der Mündung des Karpatenflußes Dnister – und ist logistisch kaum tragfähig.

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Weißrussische Panzer während einer „Sapad”-Übung.

Ob dies gelingen könnte, ist unklar. Der Nationalpark Prypjat im Süden Weißrusslands und das dortige Sumpfgebiet, welches auf der Luftlinie Brest-Kiew von nur wenigen Straßenverbindungen gequert wird, gilt als extrem ungeeignet für solch ein Vorhaben. Das galt aber 1940 auch für den deutschen Vorstoß durch die Ardennen, der die Eroberung Frankreichs zur Folge hatte.

Ob so etwas angesichts der heutigen Aufklärungsmittel wiederholt werden kann, darf infrage gestellt werden. Klar ist aber auch, dass die Ukraine alle verfügbaren kampfstarken Kräfte im Osten des Landes dringend benötigt.

Vorfälle rund um „Sapad-2025“

Schon die Ereignisse im Vorfeld zu „Sapad-2025” geben Anlass zur Sorge. Ende August kam es zu einem Blackout auf der strategisch wichtigen schwedischen Insel Gotland in der Ostsee.

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Moskau testet durch gezielte Provokation permanent die Schmerzgrenzen der NATO-Staaten ab. Luftraumverletzungen gehören dazu.

Am 7. September verletzte ein russischer Mi-8-Hubschrauber estnischen Luftraum – die dritte Luftraumverletzung dieser Art dieses Jahr. Ziel des Fluges war offenbar Aufklärung der Insel Vaindloo. Auf Vaindloo im Finnischen Meerbusen befindet sich eine Station des estnischen Grenzschutzes mit einem 50 Meter hohen Beobachtungsturm und einem Radar.

Am 9. September legte dann ein großer Stromausfall den Süden Berlins lahm. Der Grund laut Polizei: „Brandstiftung”. Laut einem Bekennerschreiben auf „Indymedia” war der Technologiepark Adlershof das Ziel. Dort befinden sich Unternehmen wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrttechnik (DLR), Eurovia/Vinci und Siemens.

In der Nacht auf den 10. September flog schließlich eine Reihe russischer Angriffsdrohnen in den polnischen Luftraum ein. In Folge mussten die Flughäfen Warschau, Modlin, Lublin und Rzesow vorübergehend gesperrt werden. Eine der Drohnen flog offenbar bis nach Danzig, rund 500 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt.

Informationskriegsführung und Desinformationskampagnen

Unterfüttert werden diese Vorfälle mit verstärkten Aktionen aus dem Bereich der psychologische Kriegsführung. Dazu zählen wiederholte Drohungen gegen Finnland in den letzten Tagen. Laut Andrej Kartapolow, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses der Staatsduma, entwickle sich Finnland „zu einer Brutstätte des Faschismus”. Die Politik der finnischen Regierung werde zu „tragischen Konsequenzen” führen. Dmitri Medwedew sprach vom „Ende der Staatlichkeit” Finnlands.

„Wir müssen vorbereitet sein” – Verteidigungsministerin Klaudia Tanner im Interview

Estland wurden Renovierungsmaßnahmen auf dem Tallinner Militärfriedhof als Vandalismus ausgelegt. Das russische Außenministerium fordert haltbareres Material. Die Doppelzüngigkeit wird durch die Planierung eines Friedhofes für die „Helden der Spezialmilitäroperation” in Jakutsk nur noch unterstrichen.

Auch Österreich geriet zuletzt ins Visier Moskaus. Das Land könnte in die Einsatzpläne der russischen Streitkräfte einbezogen werden, falls Österreich die Neutralität aufgibt. Medwedew verweis dabei auf die „Verletzung internationaler Verträge”, die es aber gar nicht gibt.

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Der polnische Premierminister Donald Tusk kündigte an, dass die Grenze zu Weißrussland in der Nacht von Donnerstag auf Freitag aufgrund „Sapad-2025” geschlossen wird.

Mit weiteren medial aufbereiteten Operationen zur Verbreitung falscher Narrative von Seiten Russlands ist zu rechnen. Davor warnte auch der üblicherweise bestens informierte ukrainische Geheimdienstchef Kyrylo Budanow.

NATO übt auch

Das nordatlantische Bündnis führt derweilen das Manöver „Quadriga 2025” im Ostseeraum durch. Rund 8.000 Soldaten aus 14 Nationen üben auf Land, in der Luft, auf See und im Cyber- und Informationsraum.

„Sapad 2025”: Russischer Schatten über Europa – ©Archiv
Die aktuellen NATO-Manöver in der Ostsee haben mit Masse das Thema Minen-Suche- und Räumung zum Ziel.

Die Übung ist aufgeteilt in die Komponenten

  • „Northern Coast”: Marinemanöver in der Oststee,
  • „Role2Sea”: Übung des Marineeinsatzrettungszentrums für Sanitätspersonal,
  • „National Guardian”: Übung und Unterstützungsleistung im Rahmen der Kräfteverlegung,
  • „Grand Eagle”: Übung der Panzergrenadierbrigade 37 und
  • „BraveBlue” und „Safety Fuel”: Zur logistischen Versorgung von „Grand Eagle”.

Hier geht es zu weiteren Meldungen rund um die russischen Streitkräfte und hier zu weiteren Meldungen rund um die belarussischen Streitkräfte.

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