Die Piloten der ukrainischen Luftwaffe kämpfen einen für westliche Normen völlig untypischen Luftkrieg. Die NATO-Taktiken, die sie bei ihren F-16 Kursen mit auf den Weg bekommen haben, helfen ihnen nicht. So erklärte ein ukrainischer Pilot etwa, die Taktiken basieren „auf Kriegen, an denen unsere Partner zuvor teilgenommen hatten. Und dieser Krieg (Ukraine-Krieg, Anmerkung) ist grundlegend anders.”

Die Kampfflugzeuge, über welche die Ukraine zu Beginn des russischen Angriffskrieges verfügte, stammten durchwegs aus sowjetischer Produktion. Mittlerweile kamen zu den MiG-29, Su-27 und Su-25 westliche Jäger der Typen F-16A/B MLU und Mirage 2000-5 hinzu, wobei Saab Gripen C/D sowie möglicherweise Gripen E und Rafale folgen werden.

Die russischen Gegner im Luftkampf sind Su-35S, Su-30SM2, Su-57, Su-34 und MiG-31BM. Diese Flugzeuge sind im Durchschnitt deutlich schneller, verfügen über wesentlich mehr Reichweite, über deutlich leistungsfähigere und weitreichendere Sensorik und tragen Lenkflugkörper mit überlegenen Reichweiten. Dazu kommt, dass Russland über eine deutliche nummerische Überlegenheit in der Luft verfügt.

Die Lenkflugkörper R-77-1 und R-37M bilden die Basis der Luft-Luft-Munition russischer Kampfflugzeuge und stellen eine der größten Bedrohungen für ukrainische Piloten dar. Bis zu 110 Kilometer soll die Reichweite der R-77-1 – abgefeuert aus großer Höhe und bei Überschallgeschwindigkeit des Trägerflugzeuges – betragen. Bei der R-37M hingegen wird die Reichweite auf bis zu 300 Kilometer geschätzt. Das Resultat: Die russischen Piloten können die Ukrainer früher erfassen und früher auf größere Distanz feuern.

Da bleibt die Frage, wie man das überleben soll. Wie kann man in einem Luftraum operieren, der vom Gegner dominiert wird?

Ein Luftraum ohne Überlegenheit und Dominanz

Angesichts der täglichen Treffer von Langstrecken-Abstandswaffen tief in den Räumen der Ukraine und Russlands kann man kaum von Überlegenheit und gar nicht von Dominanz einer Seite bei der Kontrolle der Lufträume reden. Inzwischen müssen beide Seiten längst mit ihren Kapazitäten haushalten, um im fragilen Luftkriegsgefüge nicht vollends ins Hintertreffen zu geraten.

Was Russland daran hindert, volle Kontrolle über den Luftraum der Ukraine zu erlangen, ist ausschließlich die bodengestützte Flugabwehr. Zu Beginn waren das Systeme sowjetischer Herkunft – S-300, S-200, BUK-M1 und S-125. Diese sind inzwischen zerstört oder verschossen. Aktuell ist die Ukraine hauptsächlich mit Flugabwehrsystemen westlicher Bauart ausgerüstet, mit Masse Iris T-SLM von Diehl Defence (-> Iris-T bewährt sich in der Ukraine), NASAMS von Kongsberg, Patriot sowie SAMP/T. Raketen dafür sind aber nicht in beliebiger Anzahl verfügbar.

Damit die ukrainische Flugabwehr also weiterhin eine glaubhafte Bedrohung gegen die bemannte russische Luftfahrt darstellen und deren Einfliegen verhindern kann, darf sie nicht ihr ganzes Pulver gegen die russischen Abstandswaffen verschießen, die in der ganzen Ukraine fliegen können. Das ist der Sinn eines Munitions-Sperrbestandes oder einer strategischen Reserve.

Wahrscheinlich weiß außerhalb des ukrainischen Generalstabs niemand wie fragil oder stabil diese Reserve ist. Russland darf es nicht wissen, muss im Unklaren gelassen werden, wo und wann konkret sich diese Flugabwehrblase wie weit ausbreitet und wie viele Raketen die Ukraine noch hat. Und gegenüber dem Westen wird die Ukraine naturgemäß immer den Mehrbedarf an Flugabwehrsystemen und Raketen in den Vordergrund stellen, immerhin hängt das Überleben der Ukraine vom westlichen Nachschub ab.

Russlands Kontrolle über den eigenen Luftraum schwindet

Auch für Russland ist die bodengestützte Flugabwehr ein wesentlicher Aspekt für die Kontrolle des eigenen Luftraums. Im Vergleich zur Ukraine können die fliegenden Kräfte aber einen größeren Teil am Gesamtaufwand leisten. Über wie viele einsatzbereite Kampfflugzeuge Russland verfügt, weiß nur der russische Generalstab. Es ist aber jedenfalls ein mehrfaches dessen, was die Ukraine aufbringen kann – wohl viele hundert Maschinen.

Ein immer größer werdendes Problem dieser russischen Kräfte ist allerdings die zunehmende Anzahl und Reichweite ukrainischer Langstrecken-Abstandswaffen (-> 1.000 Kilometer und mehr – diese Fernwaffen setzt die Ukraine gegen Russland ein). Die Ukraine ist inzwischen in der Lage, sich Ziele im beinahe gesamten europäischen Teil Russlands auszusuchen, zu beschießen und zu treffen. Das ist mit über drei Millionen Quadratkilometer ein unfassbar großer Raum, den auch Russland mit seinen Kapazitäten inzwischen nicht mehr abdecken kann.

Die Oberhand über die ukrainischen Kampfflugzeuge im unmittelbaren Frontbereich behält Russland trotzdem.

„Dogfights“ sind auch in der Ukraine nicht zu sehen

Der Luftraum, in dem sich ukrainische Kampfflugzeuge unbehelligt bewegen können, wird bestimmt durch die Größe des Domes, den die ukrainische bodengestützte Flugabwehr aus Sicht der russischen Piloten herstellen kann. Abzüglich der Reichweite der russischen Langstrecken-Luft-Luft-Lenkwaffen, die diese von außerhalb in diese Bubble schießen können.

Sobald die ukrainischen Piloten in Gebiete fliegen, von denen sie glauben, dass russische Luft-Luft- oder Luft-Boden-Lenkwaffen sie erreichen können, wird es kompliziert. Ab dann beginnt ein Spiel um Leben und Tod, bei dem kinetische Energie einen wesentlichen Einfluss erlangt. Denn die theoretisch größte Reichweite einer Rakete ist für diese nur erreichbar, wenn sie ohne Kursänderung gerade auf ihr Ziel zufliegen kann.

Relevant wird das dann, wenn die ukrainischen Kampfflugzeuge Luft-Boden-Unterstützung für die Soldaten am Boden durchführen, zum Beispiel mit der französischen AASM-Hammer-Lenkbombe (-> Safran verpasst der Hammer-Bombe ein Jettriebwerk).

Um unbehelligt so nahe wie möglich zur Front zu kommen, ändern die Ukrainer im Anflug auf ihr Ziel ständig den Kurs – wie schon die Piloten im Ersten Weltkrieg. Für eine eventuell anfliegende Rakete bedeutet das eine ständige Neuberechnung des Abfangkurses und damit unablässiges Manövrieren, um an dieses jeweils errechnete Ende zu kommen – und somit permanenten Energieverlust. Die theoretische Reichweite der Rakete sinkt gewaltig, idealerweise unter die Distanz, ab der sich ein russischer Pilot anfängt Sorgen zu machen, ob er in Reichweite eines Langstrecken-Boden/Luft-Flugabwehrsystems gerät.

Der Krieg der Elektronik

Einen wesentlichen Anteil daran, wie weit sich die Piloten gegenseitig erfassen und beschießen sowie gegebenenfalls anfliegende Raketen täuschen und ablenken kann, hat die Defensivelektronik der Kampfflugzeuge. So sehr die ukrainischen Piloten auch gezwungen sind, das Resultat der Luftkampfdynamik zu akzeptieren, der Know-how-Gewinn über die Fähigkeiten und Schwächen der Elektronik des Gegners dürfte für die Ukraine und den unterstützenden Westen größer sein als für Russland.

In diesem Krieg, der mit Frequenzen, Modulationen, Sendestärken und Codezeilen gefochten wird, ist die Defensivelektronik der ukrainischen Kampfflugzeuge wohl nicht in der Lage, die Erfassung und Verfolgung durch die Radargeräte russischer Kampfflugzeuge oder der bodengestützten Flugabwehr zu verhindern. Anders sieht das aus mit der Warnung des Piloten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit gibt es eine Warnung vor den Signalen, die auf eine Suche, Verfolgung und die Steuerung einer Rakete hindeuten.

Letztere, nämlich die Steuersignale für die Rakete und die des Radar-Suchkopfs der Rakete, sind viel schwächer als die der riesigen Antenne der Trägermaschine. Das EW-System eines Kampfflugzeuges ist stark genug, um anfliegende Raketen potenziell zu beeinträchtigen und zum richtigen Zeitpunkt die Störkörperwerfer in Betrieb zu setzen.

Ukraine: NATO-Luftkampftaktiken nutzlos gegen russische Kampfjets – ©Wikipedia
Defensivelektronik und Störkörperwerfer können im Gefecht das Überleben ermöglichen, Dominanz im Luftraum können sie aber nicht gewärleisten.

Die Analysearbeit wird nicht (nur) in der Ukraine durchgeführt. Jedes Mal, wenn ein Flugzeug zurückkommt und die Daten aus EW-System heruntergeladen werden, landen diese natürlich in NATO-Dienststellen. Korrekte Interpretation und Identifikation dieser Signale können schon beim nächsten Einsatz über Leben und Tod entscheiden.

Die Ukrainer rechnen übrigens nicht damit, dass sich die russische Dominanz unmittelbar im Kampf im Frontbereich mit leistungsfähigeren Raketen wie Meteor oder AMI-120D AMRAAM ändern würde. Der wesentlichste Aspekt dahinter – die frühzeitige Entdeckung des Gegners und der Abschuss eigener Raketen – kann nicht nur durch moderne Luftkampf-Raketen ausgeglichen werden.

Ukraine: NATO-Luftkampftaktiken nutzlos gegen russische Kampfjets – ©Ulf Kristersson via Instagram
Die Einbindung der großen Bordradargeräte in die elektronische Kriegsführung moderner Kampfflugzeuge ist einer von mehreren Aspekten, der Luftdominanz brechen kann.

Viel relevanter sind hier geringere Signaturen (Stealth; Generation 5) sowie die Fähigkeit der letzten Generation der Bordradargeräte (AESA; Generation 4.5) selbst zum riesigen Störsender zu werden und im Netzwerkverbund mit anderen Systemen den elektronischen Krieg zu gewinnen, der dann den Erfolg im Luftkampf bringt. Noch ist nicht klar, ob und wann der Ukraine solche Flugzeuge zur Verfügung stehen werden.

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Quelle©Archiv, Wikipedia, Ulf Kristersson via Instagram