Seit Mitte 2025 hat die Ukraine ihre Angriffe mit ungelenkten Luftfahrzeugen sehr großer Reichweite deutlich intensiviert. Wie offene Quellen belegen, sind diese Einsätze durchaus erfolgreich. Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass es neben den bestätigten Treffern weitere Wirkungserfolge gibt, die sich ohne Präsenz vor Ort nicht unabhängig verifizieren lassen.
Der „tiefe Himmel“ Russlands
Seit dem Auftreten der Langstrecken-Angriffsdrohnen bekommt das Thema Reichweite immer mehr Bedeutung. Techniker und Ingenieure stehen vor der Herausforderung, diese zu verbessern. Für die Soldaten, die die Ziele auswählen und die Flugpläne erstellen, ist hingegen die Erkennung und Umgehung des gegnerischen Luftabwehrsystems eine entscheidende Aufgabe in der Planung.

Im Bereich von 1.000 bis 3.000 Kilometer außerhalb des ukrainischen Territoriums befinden sich wichtige Rüstungsbetriebe Russlands, die die ukrainische Armee zunehmend ins Auge fasst. Im russischen Fliegerabwehrlatein heißt der Nahbereich „der kleine Himmel” und entsprechend die großen Distanzen „der tiefe Himmel”.
In eben diesem tiefen Himmel befindet sich Uralwagonzavod in Nischni Tagil, wo die Produktion von Panzern, Eisenbahnwaggons und anderen Maschinen erfolgt. Ebenfalls in dieser Distanz befinden sich Uraltransmasch in Jekaterinburg (Bau von Geschützen und Selbstfahrlafetten), das Traktorenwerk in Tscheljabinsk, eine Pulverfabrik in Perm, ein Flugzeugwerk in Kasan und die Sonderwirtschaftszone Alabuga als Hauptstandort für die Produktion der Angriffsdrohne Geran-2.
Außerdem befinden sich mehr als die Hälfte der Rohöl-Verarbeitungskapazitäten der Russischen Föderation in diesem Radius.
Erste Treffer mit A-22

Der erste Erfolg war am Morgen des 2. April 2024 ein Angriff mit einer Aeroprakt A-22 Foxbat auf die Sonderwirtschaftszone Alabuga. Das zur unbemannten Drohne umgebaute Leichtflugzeug traf eines der Arbeiter-Wohngebäude im ersten der mittlerweile mindestens vier fertiggestellten Arbeitslager. Aktuellen Satellitenbildern nach zu urteilen, wurde dieses Gebäude bislang nicht instand gesetzt.
Am 6. November 2024 traf eine A-22 dann einen Stützpunkt der russischen Marine im Hafen von Dagestan am Kaspischen Meer auf etwa 1.200 Kilometer Distanz. Derselbe Drohnentyp traf im Dezember 2024 die Omon-Kaserne in Grosny, rund 1.100 Kilometer von der Ukraine entfernt.
Noch mehr Erfolge im Jahr 2025
Im vergangenen Jahr hat die Ukraine dann ihr Repertoire an Langstrecken-Kamikazedrohnen deutlich erweitert. Mit der E-300 Enterprise auf Basis des Skyranger Ninja Leichtflugzeuges steht der Ukraine ein unbemanntes Luftfahrzeug mit 300 Kilogramm Nutzlast für Treibstoff und Waffen zur Verfügung. Die praktische Reichweite beträgt bis zu 1.700 Kilometer. Der bislang massivste Angriff fand laut russischen Quellen am 23. April 2025 statt. Das Ziel waren abermals die Drohnenfabriken von Alabuga. Wirksame Treffer soll es allerdings keine gegeben haben.

Die Wirkung ist aber auch indirekt. Russland muss mit seinen begrenzten Flugabwehrmitteln nun zunehmend wichtige Anlagen im „tiefen Himmel” schützen. Gerät und Personal stehen dort möglicherweise Wochen oder Monate untätig herum und fehlen dadurch woanders.
Eine weiteres System für große Reichweiten ist eine Variante der AN-196 Liutyi. Die Drohne ist durch Weglassen des Fahrwerks leichter und luftwiderstandsärmer, wodurch die erforderliche Reichweite für die 1.000+ Kilometer-Kategorie erreicht wird.

Am 5. Mai 2025 stellte der Flughafen Nadym in Jamal „zur Gewährleistung der Flugsicherheit” den Betrieb ein. Ein „Teppichplan”, so nennt Russland die Maßnahme zur Sperrung des Luftraumes wegen Drohnenflügen, 2.200 Kilometer östlich von Moskau ist bislang ein singulärer Vorfall. Es besteht die Möglichkeit, dass unter Verzicht auf einen Gefechtskopf und dadurch mehr Treibstoff ein Aufklärungsflug stattgefunden hat.
Am 7. Juli 2025 trafen zwei Liutyi das Werk „Kupol” in Ischewsk, über 1.300 Kilometer entfernt vom ukrainischem Territorium. Kupol ist an der Produktion von Raketen für die Fliegerabwehr beteiligt. Zerstört wurden zwei Werkhallen für Metallbearbeitung und das Löten von Mikrochips.
Fire Point
Eine mengenmäßig bedeutende Stückzahl hat das Erscheinen der Fernkampf-Drohne FP-1 des Unternehmens Fire Point mit sich gebracht. Die Ukraine spricht von einer Fertigungskapazität von 100 Stück pro Tag. Die Drohne kann einen 120 Kilogramm Gefechtskopf bis zu 1.600 Kilometer weit tragen.
Wie nahe oder weit die kolportierte Produktionszahl von der Realität entfernt ist, weiß man nicht. Fakt ist, seit Liutyi und FP-1 verfügbar sind steigert sich die Zahl der Angriffe auf russische Infrastruktur in großen Entfernungen. Im September vergangenen Jahres trafen FP-1 Drohnen eine Pumpstation und einen Tanker in der Nähe des Ölterminals Transneft-Port an der Ostsee nördlich von St. Petersburg.
One of Ukraine’s leading defense companies, Fire Point, which is behind the Flamingo cruise missile, is also mass-producing the FP-1 drone with a flight range of over 1,000 km.
Photos taken at an undisclosed location in Ukraine on August 18 appeared tonight.
📷: AP/Efrem… pic.twitter.com/N40oRdeDr6
— Anton Gerashchenko (@Gerashchenko_en) August 21, 2025
Inzwischen sind auch Ölförderplattformen im Kaspischen Meer nicht mehr sicher. Zu den Zielen, die erfolgreich angegriffen wurden, zählt ein Logistikzentrum in Tatarstan, eine Militärkaserne in Tschetschenien, Chemieunternehmen sowie Gas- und Ölinfrastruktur.
Dass die Ukraine die Kapazitäten ihrer unbemannten Systemkräfte auch über große Distanzen zu komplexen Operationen kombinieren kann, zeigte sich am 24. September 2025. Da erfolgte ein gemeinsamer Luft- und See-Angriff mit unbemannten Systemen auf den russischen Marinehafen Noworossijsk am Schwarzen Meer. Rund 450 Kilometer Luftlinie vom ukrainischem Territorium entfernt, wurde gleichzeitig mit Systemen angegriffen, die dorthin mindestens mehrere Stunden fliegen oder auf dem Meer ein bis zwei Tage fahren mussten.
A video of the strikes on Russian Lukoil drilling platforms in the Caspian Sea. https://t.co/J3pIM47Tfi pic.twitter.com/soATRCRXvN
— Anton Gerashchenko (@Gerashchenko_en) January 11, 2026
Überwindung der Flugabwehr-Verteidigungslinien
Die Linie, entlang der ukrainische Drohnen in den russischen Luftraum eindringen können, ist rund 2.100 Kilometer lang. Sie verläuft zwischen der russischen und belarussischen Grenze im Norden und Sotschi am Schwarzen Meer im Südosten. Eingedenk der erzielten Reichweiten dürften über drei Millionen Quadratkilometer Fläche und damit um einiges mehr als drei Viertel des europäischen Teils Russlands in der Reichweite der ukrainischen Langstrecken-Drohnen liegen.
Das Repertoire, um die russische Luftabwehr zu durchdringen, ist vielfältig. In keine Vorhersehbarkeiten und Regelmäßigkeiten zu verfallen, ist eine davon. Täglich ändern die Ukrainer daher ihre Angriffsachsen, auf denen die Drohnen den schwierigsten Teil des Fluges absolvieren. In der ersten Verteidigungslinie sollen die Verluste am höchsten sein. Dort lassen sich die Langstrecken-Drohnen aber auch in Schwärmen mit Systemen kürzerer Reichweite zusammenfassen. Täglich ändern sich auch die Angriffsziele.

Als hauptverantwortlich für Planung und Durchführung für die meisten Angriffe auf russische rückwärtige Gebiete gilt das 1. Separate Zentrum für unbemannte Systeme der unbemannten Systemstreitkräfte der Ukraine. Über die vormals als 14. Regiment bezeichnete Einheit ist wenig bekannt. Von Kommandant „Charlie” gibt es weder Namen noch Foto. Die Einheit gilt als vorrangiges Ziel für den russischen Geheimdienst. Täglich erfolgen die Starts der Drohnen von neuen Standorten – alles unter strengster Geheimhaltung.
Die Einheit wählt ihre Ziele nicht nach Gelegenheit oder nach Belieben, sondern verfolgt einen strategischen Ansatz. Im August 2025 intensivierte die Ukraine beispielsweise ihre Angriffe auf russische Raffinerien. Im September dann eine überraschende Änderung der Zielpriorität: Innerhalb weniger Tage wurden mehrere strategische Arsenale der russischen Hauptdirektion für Raketen und Artillerie angegriffen. Über diese Munitions-Hauptlager erfolgt die Auslieferung der Munition an die russischen Einheiten.
Russland muss den Raum schützen
So wird Russland gezwungen Flugabwehrsysteme entlang einer sehr langen Grenze, als auch in der Tiefe des Raumes einzusetzen. Die Objekte, die Russland inzwischen schützen müsste, sind in den vergangenen zwei Jahren immer zahlreicher geworden. Zum Beispiel wurden in Alabuga mehrere Rampen und Podeste für Flugabwehr-Systeme der Typen Pantsir-S1 und Tor-M2 errichtet. Videos zeigen, dass diese auch einsatzbereit und nicht nur Scheinstellungen sind.

Da ukrainische A-22 Foxbat Drohnen bei Alabuga Ausweichmanöver nach Aktivierung der Flugabwehr-Systeme durchführten, vermuten russische Militärblogger das Vorhandensein von elektronischen Empfängern im X/Ka-Band, die diese Manöver in der Flugsteuerung aktivieren.
Und noch ein interessanter Aspekt bezüglich der russischen Infrastruktur ist zu berücksichtigen: Immer öfter kommt es zu Abschaltungen des mobilen Internets. Dies zusätzlich zur sogenannten „SIM-Karten-Abkühlung”, die seit 10. November in Kraft getreten ist. SIM-Karten, die aus dem Ausland nach Russland gelangen oder mehr als 72 Stunden inaktiv waren, haben keinen Zugang zum mobilen Internet und können keine SMS-Nachrichten versenden, bis eine Bestätigung vorliegt, dass diese nicht in ein unbemanntes Gerät eingebaut ist. Die Maßnahme hat erhebliche negative Auswirkungen auf Wirtschaftstreibende und Tourismus.

Jüngste ukrainische Langstrecken-Angriffe
Im Zeitraum vom 2. bis zum 7. Jänner wurden folgende Ziele erfolgreich angegriffen:
- Ölraffinerie Nowokujbyschewsk in Samara
- Almetjewski-Ölraffinerie in Tartastan
- Afippa-Ölraffinerie in Krasnodar
- Rjasan-Ölraffinerie in Rjasan
- Jaroslawl-Ölraffinerie in Jaroslawl
- Ölraffinerie „Wypilzovo” in Belgorod
- Chemiewerk „Dorogobuzh” in Smolensk sowie Chemiewerk „Kirovo-Chepetsky” in Kirov – beide Chemiewerke zählen zur Sprengstoffindustrie und Logistikzentren
- Treibstoff- und Schmierstofflager sowie Logistikzentren der russichen Armee NP Chliborne und NP Sofiivka in Saporischschja, Luhansk und Donezk.
Die Angriffsplanung erfolgt zentral durch die Streitkräfte für unbemannte Systeme der ukrainischen Armee.
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