Die ukrainischen Behörden haben erstmals seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 offizielle Zahlen zu gefangengenommenen russischen Soldaten veröffentlicht. Demnach wurden seit dem Einmarsch Russlands mehr als 10.000 Angehörige der russischen Streitkräfte von ukrainischen Einheiten gefangen genommen und registriert. Nach Angaben des ukrainischen Koordinierungshauptquartiers für die Behandlung von Kriegsgefangenen (CHTPW) ist die Zahl der russischen Kriegsgefangenen auch im Jahr 2025 weiter kontinuierlich gestiegen.
Die Daten wurden im Rahmen des im August 2022 gestarteten Projekts „Ich will leben” veröffentlicht. Dabei handelt es sich um eine ukrainische Regierungsinitiative, die sowohl die Zahl der sich ergebenden russischen Soldaten erfasst als auch aktiv Möglichkeiten zur Desertion aufzeigt. Zu diesem Zweck wurde eine spezielle Hotline für Deserteure eingerichtet, über die sich in den ersten beiden Kriegsjahren laut ukrainischen Angaben rund 13.000 russische Soldaten gemeldet haben sollen.
Viele ergeben sich freiwillig
Diese Initiative zeigt offenbar Wirkung. Den veröffentlichten Zahlen zufolge ergaben sich im Durchschnitt zwischen 60 und 90 russische Soldaten pro Woche den ukrainischen Streitkräften. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichten die Kapitulationen im August 2024, als sich Berichten zufolge innerhalb einer Woche rund 350 russische Soldaten ergaben.
Die meisten russischen Kriegsgefangenen stammen aus der besonders hart umkämpften Oblast Donezk, wobei die Raumabschnitte Pokrowsk und Bachmut hervorgehoben werden. Auch in der Oblast Saporischschja sowie im Zuge des ukrainischen Vorstoßes in die russische Oblast Kursk gerieten zahlreiche russische Soldaten in Gefangenschaft.
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Was man über die Gefangenen weiß
Das Projekt „Ich will leben” veröffentlichte zudem eine detaillierte Aufschlüsselung der gefangengenommenen russischen Soldaten. Demnach waren 83 Prozent der mehr als 10.000 Gefangenen einfache Mannschaftsdienstgrade, 15 Prozent Unteroffiziere und lediglich 3 Prozent Offiziere. Das Alter der Gefangenen reichte von 18 bis 65 Jahren.
Auffällig ist, dass es sich bei der überwiegenden Mehrheit um Vertragssoldaten handelte, also um Angehörige der russischen Streitkräfte mit regulärem Dienstvertrag. Viele dieser Soldaten wurden laut den Daten aus Gefängnissen oder über private Militärfirmen rekrutiert. Mobilisierte Reservisten machten 19 Prozent der Gefangenen aus, zwangsrekrutierte Soldaten lediglich fünf Prozent.
Bemerkenswert ist zudem, dass 24 Prozent der Gefangenen angaben, zum Militärdienst gezwungen oder durch falsche Versprechungen irregeführt worden zu sein. 40 Prozent der Gefangenen waren vorbestraft, 38 Prozent arbeitslos, und mehr als die Hälfte hatte Kinder. Das Projekt „Ich will leben” hält außerdem fest: „Uns sind mindestens 237 ehemalige Gefangene bekannt, die nach ihrer Rückkehr an die Front getötet wurden oder als vermisst gelten. Vier russische Soldaten befinden sich derzeit bereits zum zweiten Mal in Gefangenschaft.”
Im Rahmen von Gefangenenaustauschen wurden bislang etwas mehr als 6.000 russische Soldaten nach Russland zurückgeführt, davon allein 52 Prozent im Jahr 2025. Die Daten deuten darauf hin, dass der Kreml insbesondere ethnisch russische Soldaten mit leichten Verletzungen und kurzer Gefangenschaft bevorzugt zurückholt. Andrij Jussow, Sprecher des ukrainischen Militärnachrichtendienstes, erklärte zudem, dass einige russische Kriegsgefangene den Wunsch geäußert hätten, nicht ausgetauscht zu werden oder sich sogar den ukrainischen Sicherheits- und Verteidigungskräften anzuschließen.
Nicht immer freiwillig: Tausende Ausländer kämpfen für Russland
Eine weitere zentrale Erkenntnis der veröffentlichten Daten ist der deutliche Anstieg ausländischer Kämpfer in russischen Reihen im Jahr 2025. Das CHTPW teilte im Vormonat mit, dass die Ukraine die Identitäten von mindestens 18.000 Ausländern aus 128 Ländern oder Territorien überprüft habe, die für Russland kämpfen oder gekämpft haben.

Brigadegeneral Dmytro Usow, Leiter des Koordinierungshauptquartiers, erklärte demnach, dass mindestens 3.388 dieser ausländischen Kämpfer getötet worden seien. Derzeit halte die Ukraine Kriegsgefangene aus 37 verschiedenen Ländern. Nicht eingerechnet seien dabei mehrere tausend nordkoreanische Soldaten, die im Rahmen eines Militärkooperationsabkommens zwischen Moskau und Pjöngjang im Raum Kursk eingesetzt wurden.
Insgesamt wurden sieben Prozent der russischen Kriegsgefangenen als ausländische Söldner identifiziert. Diese stammen aus mehr als 40 Ländern, wobei laut ukrainischen Angaben wöchentlich ein bis drei weitere ausländische Kämpfer an der Front festgestellt werden. Auffällig: Für ausländische Kämpfer hat Moskau bislang keinen Gefangenenaustausch beantragt.
Der zunehmende Einsatz ausländischer Kämpfer hat inzwischen diplomatische Reaktionen ausgelöst. Kenias Präsident William Ruto erklärte Anfang des Monats, seine Regierung sei „ernsthaft besorgt”, dass junge Kenianer illegal für den Krieg rekrutiert würden. Auch Südafrika kündigte Ermittlungen an, nachdem 17 südafrikanische Staatsbürger um Hilfe gebeten hatten, um aus dem russisch kontrollierten Donbas in ihre Heimat zurückkehren zu können.
Indiens Außenministerium bestätigte, dass 44 indische Staatsangehörige für Russland kämpfen. Sprecher Randhir Jaiswal erklärte, Neu-Delhi werde Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern, dass Bürger „durch Täuschung zum Militärdienst gezwungen” würden.
Bereits im vergangenen Jahr hatte Russlands Präsident Wladimir Putin ein Gesetz unterzeichnet, das es erlaubt, eingebürgerten russischen Staatsbürgern die Staatsbürgerschaft zu entziehen, wenn sie sich dem Militärdienst entziehen. Betroffen sind vor allem Migranten aus zentralasiatischen Staaten wie Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan. Der ukrainische Militärgeheimdienst erklärte gegenüber CNN, dass Russlands Rekrutierungspraktiken gegenüber Ausländern im Wesentlichen auf Erpressung, Bestechung und Täuschung beruhen.
„Russland ist nicht so stark, wie es behauptet“
Die Ernüchterung über die Realität des Krieges ist bei vielen Gefangenen groß – auch über das Bild der „großen russischen Armee”. So berichteten im Vorjahr zwei chinesische Staatsbürger, die über eine Tiktok-Anzeige angeworben und später gefangen genommen wurden, bei einer Pressekonferenz offen: „Alles, was Russland uns erzählt hat, waren Lügen. Russland ist nicht so stark, wie sie behaupten.”
Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj sollen insgesamt 155 Staatsbürger der Volksrepublik China an der Seite Russlands kämpfen. Peking weist diese Vorwürfe offiziell zurück.
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