China hat die USA beim Aufbau der schlagkräftigsten Marine der Welt längst überholt – zumindest zahlenmäßig. Doch hinter dieser neuen Dominanz stehen nicht nur beeindruckende Zahlen, sondern auch eine strategische Agenda, die tiefgreifende Auswirkungen auf die regionale und globale Sicherheitsarchitektur hat.
Die chinesischen Streitkräfte haben die US-Streitkräfte in der Marinerüstung inzwischen deutlich überholt und betreibt heute die weltweit größte Marine. Auch wenn die amerikanische Flotte über unvergleichlich größere Einsatzerfahrung verfügt, ist das Überholmanöver der Volksrepublik beunruhigend – aus Sicht der USA sogar dramatisch.
Mitte März veröffentlichte das Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington jedenfalls einen Bericht, in dem China bereits als global dominanter Akteur im Marineschiffbau bezeichnet wird – mit immensen sicherheitspolitischen, finanziellen und wirtschaftlichen Folgen für die USA. Diese Analyse wurde auch von Admiral James Kilby und Admiral Samuel Paparo – den Chefs der US-Marineoperationen und des Indo-Pazifik-Kommandos – in einer Anhörung vor dem Haushaltsausschuss des Repräsentantenhauses bestätigt.
Beeindruckende Zahlen
China verfügt demnach über 307 Werften, von denen mindestens 35 – alle unter staatlicher Kontrolle – militärische oder sicherheitsrelevante Aufträge bearbeiten. 2023 wurden 170.000 an neuer Tonnage in Dienst gestellt (2022: 110.000). Bereits um 2020 überholte China die USA bei der Anzahl vergleichbarer Kampfschiffe und baut seither seinen Vorsprung aus.

Aktuell zählt die PLAN (Volksbefreiungsmarine) 395 Überwasserschiffe (ohne U-Boote), bis 2030 sollen es 435 werden. Die gesamte Schiffbaukapazität Chinas ist 232-mal (!) größer als die der USA, bei der Marinerüstung rund sechsmal so groß.
In den USA gibt es lediglich 18 Werften für große Schiffe, davon nur vier für Kriegsschiffe. Amerikanische Hersteller produzieren fast ausschließlich für das eigene Militär oder den Binnenmarkt – mit einem verschwindend geringen Weltmarktanteil von gerade einmal einem Prozent. Diese fehlende internationale Wettbewerbsfähigkeit wirkt sich auf Know-how, Produktionskapazität und Innovationskraft aus. Zudem hat die US Navy oft nur einen einzigen Lieferanten pro Schiffstyp – etwa die Newport News Werft für Flugzeugträger.

Aktuell betreibt die US-Flotte 296 Kriegsschiffe, und obwohl die USA durch ihre elf Träger bei der Tonnage noch vorne liegen, schrumpft die Flotte: 2024 wurden nur sechs neue Schiffe finanziert, aber 15 außer Dienst gestellt. Für 2025 sind sechs neue geplant, während 19 ausgemustert werden – ein Verlust von 13 Schiffen. Zum Vergleich: Im Zweiten Weltkrieg wuchs die US-Flotte von 345 auf 1.160 Schiffe.
Chinas maritime Strategie: Dominanz statt Koexistenz
Peking arbeitet systematisch daran, die US-Präsenz in den angrenzenden Gewässern zurückzudrängen – mit dem Ziel, die eigene Führungsrolle im Indopazifik auszubauen und eine mögliche Unterstützung Taiwans durch die USA im Ernstfall zu verhindern. China erkennt schon jetzt die souveränen Rechte seiner Nachbarn – Vietnam, die Philippinen (-> China vs Philippinen: Chinesischer Zerstörer rammt eigenes Küstenwachschiff), Singapur, Brunei, Indonesien, Malaysia und Taiwan – im Südchinesischen Meer nicht an.
Seit 2009 wird mit militärischen und hybriden Mitteln in deren Hoheitsgewässer vorgedrungen, gestützt auf die „Neun-Striche-Linie”, die historische Ansprüche bis zur Ming-Dynastie (1604) geltend macht. Auch der Internationale Seegerichtshof interessiert Peking wenig und mit der wachsenden Dominanz seiner Flotte werden die Ansprüche und Forderungen aus dem Reich der Mitte wohl weiter steigen.

Parallel testet China die Toleranzgrenzen der USA und reagiert zunehmend aggressiv auf FONOPS (Freedom of Navigation Operations) der US- und Verbündeten-Flotten. Die Schaffung und Militarisierung künstlicher Inseln – insbesondere der Spratly- und Paracel-Inseln – zielt darauf ab, internationale Gewässer de facto als chinesisches Staatsgebiet zu beanspruchen.
Der Aufstieg zur „Blue Water Navy”
Chinas Marine strebt längst eine weltweite Präsenz an – weit über die eigenen Küsten hinaus. Diese Strategie, die seit den 1990er-Jahren verfolgt wird, soll nicht nur wirtschaftliche Versorgungswege sichern, sondern auch die Projektion militärischer Macht ermöglichen. Die PLAN ist heute bereits ein bedeutender Akteur im Westpazifik, Indischen Ozean und sogar in europäischen Gewässern wie dem Mittelmeer und der Ostsee. Das Hauptziel bleibt jedoch die Einschüchterung und letztlich die „Rückholung” Taiwans. Admiral Paparo warnte jüngst, dass China „sehr nahe daran ist, einen amphibischen Angriff über die Taiwanstraße unter dem Deckmantel einer Übung zu verstecken”.

Technologische Sprünge und Premieren
Am 22. April öffnete die PLAN in über zehn Städten ihre Schiffe für die Öffentlichkeit – ein Rekord. Gezeigt wurden amphibische Angriffsschiffe Typ 075, Transportdockschiffe Typ 071, Lenkwaffenzerstörer Typ 052C/D und Fregatten der Typen 054A und 056A. Das Marinelazarettschiff „Peace Ark” besuchte erstmals Tianjin, während 16 andere Schiffe ihre namensgebenden Städte anliefen.
Herausragend war der Stapellauf der „Sichuan”, des ersten amphibischen Angriffsschiffs des Typs 076 mit 40.000 Tonnen. Es ist das erste seiner Art weltweit mit elektromagnetischem Katapult und Fangseilen, die bemannte und unbemannte Flugzeuge wie von einem Träger starten und landen lassen. Bis Anfang der 2030er-Jahre will China sechs Trägerkampfgruppen betreiben, derzeit sind es drei: die adaptierte ex-russische „Liaoning”, der Eigenbau „Shandong” (beide mit Ski-Schanze, -> „Shandong” zu Besuch in Hongkong) und die hochmoderne, aber immer noch konventionell angetriebene „Fujian” mit elektromagnetischem Katapult – der erste Eigenbau seiner Art. Die „Fujian” soll nach Seetests noch 2025 in Dienst gestellt werden, gefolgt vom ersten eigenen atomgetriebenen Träger. Zudem entstehen acht neue Renhai-Kreuzer (Typ 055) mit je 112 VLS-Zellen.

Die Marine als politisches Schwergewicht
Mit der Ernennung von Admiral Dong Jun zum Verteidigungsminister 2023 wurde erstmals ein Marineoffizier an die Spitze der gesamten Volksbefreiungsarmee gestellt – ein klares Signal für die strategische Priorität, die der Aufbau der größten Seemacht der Welt für die Führung in Peking hat. Unter der Parole der „großen Verjüngung” wird der Ausbau der Marine, ihre wachsende Reichweite und die Fähigkeit zur gewaltsamen Einnahme Taiwans – notfalls auch gegen internationale Widerstände – zielstrebig vorangetrieben.
Allen gewachsenen Ambitionen zum Trotz wähnt sich China noch nicht stark genug, für einen Angriff auf Taiwan. Im Jahr 2027 könnte es dann aber – laut eigener Einschätzung und auch den Prognosen der meisten internationalen Experten zufolge – so weit sein. Und spätestens dann wird sich wohl auch zeigen, ob die chinesische Marine der US Navy nicht nur nominell überlegen ist.
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