Die offiziell insbesondere von russischer Seite als „grenzenlose Freundschaft” bezeichneten Beziehungen Moskaus zu Peking sind offensichtlich deutlich fragiler, als es gerne dargestellt wird. Denn wie sonst lässt sich erklären, dass ein „relativ bedeutungsloser Kommentar” (russischer O-Ton!) des russischen Militärbloggers Ilya Tumanov, Betreiber des Telegram-Kanals „Fighterbomber” mit rund 546.000 Abonnenten, auch fast drei Wochen nach seinem Erscheinen noch zu erheblichen Verwerfungen in den russisch-chinesischen Beziehungen führt.
„Fighterbomber”, der die russische Militärluftfahrt als primäres Thema seines Kanals behandelt, schrieb Anfang Dezember in einem Beitrag, den er selbst als „harten Off-Topic” bezeichnete: „Abonnenten im Meer und Ozean entdeckten das universelle Landungsschiff Typ 076 ,Sichuan’, das in Shanghai Seeversuche durchführt. Ich frage mich, wie viele X-31A man braucht, um so etwas zu versenken.”

Zwei Sätze und zwei Fotos, die in der Volksrepublik China wie eine Bombe einschlugen. Der Beitrag verbreitete sich rasch in chinesischen Open-Source-Intelligence-Communities (OSINT) und auf Social-Media-Plattformen wie Weibo.

Die „Sichuan” wurde mutmaßlich von russischen Seeleuten während der Seeerprobung nahe Shanghai fotografiert. Chinesische OSINT-Kanäle und Kommentatoren identifizierten rasch mehrere Personen, die mutmaßlich an der Aufnahme beteiligt waren. Gefordert wurden die Veröffentlichung persönlicher Daten der russischen Beteiligten, „Cyber-Vergeltung” sowie eine offizielle Entschuldigung des russischen Verteidigungsministeriums.
Weibo-Nutzer bezeichneten den Blogbeitrag als „feindselige Geste gegenüber einem wichtigen Verteidigungspartner”. Zudem wurden Einreiseverbote für Tumanov sowie für jene Matrosen gefordert, die das Kriegsschiff während der nicht öffentlichen Testfahrten fotografiert hatten.
Fragile Beziehung Russland–China als Blogger-Thema
Obwohl der Eintrag nun fast drei Wochen alt ist, scheint die Angelegenheit keineswegs erledigt. So schrieb nun der prominente Blogger „Woencor” – der Name leitet sich von voennye korrespondenty („Militärkorrespondenten”) ab – von einem „bezeichnenden Beispiel für den Zustand der Beziehungen zwischen Moskau und Peking”.
Ein einzelner privater Kommentar ohne offiziellen Status und ohne Konsequenzen für den Autor habe einen regelrechten Sturm ausgelöst – und das trotz aller Beteuerungen einer „grenzenlosen Freundschaft”, so Woencor, der weiter ausführt: „In einer normalen Allianz würde man so etwas entweder ignorieren oder stillschweigend regeln. Hier jedoch sahen wir demonstrative Beleidigungen und Forderungen nach offiziellen Schritten. Besonders hervorzuheben ist die systematische Überwachung russischer Medien durch Peking. Sie lesen nicht nur offizielle Erklärungen, sondern auch informelle militärische Kanäle und ziehen daraus Schlussfolgerungen über die tatsächlichen Stimmungen. Jedes Signal wird hier als Anlass für Verdächtigungen wahrgenommen, und unter solchen Bedingungen erscheint die ‚grenzenlose Freundschaft’ eher als eine bequeme Formel öffentlicher Rhetorik denn als Spiegel der tatsächlichen Beziehungen.”
Bemerkenswert ist, dass die Fragilität der chinesisch-russischen Allianz so offen in russischen Telegram-Kanälen thematisiert wird. Russische Blogger müssen ihre Kanäle inzwischen bei der Informationstechnologiebehörde Roskomnadzor registrieren. Das Gesetz zur Aufhebung der Anonymität von Bloggern trat im November 2024 in Kraft.
„Fighterbomber“ reagiert
Mittlerweile reagierte auch „Fighterbomber” auf die Entwicklungen: „Nun ja, ich war auch etwas überrascht von der Reaktion meiner chinesischen Kollegen auf mein unschuldiges Interesse daran, wie viele Raketen nötig wären, um ein solches Schiff zu versenken. Der Vorschlag wurde von den Chinesen praktisch als Kriegserklärung aufgefasst und löste ein Feuerwerk chinesischer Wut aus.”

Weiter heißt es: „Aber nach den Quellen der Panik – dem chinesischen Telegram-Kanal von Osintov, genauer gesagt den Kommentaren darin, die bereits von chinesischen Medien weiterverbreitet wurden – waren die Chinesen dort mit Schweineohren dabei.”
In chinesischen Medien – die sämtlich staatlich kontrolliert sind – wird Ilya Tumanov als „Militärangehöriger eines befreundeten Landes” eingestuft. Seine „provokativen Bemerkungen” könnten symbolisieren, dass die Grenze zwischen Verbündeten und potenziellen Konkurrenten zunehmend verschwimme, heißt es dort.
Zur „Situation im Internet” schrieb „Fighterbomber” am Freitag, dem 19. Dezember, 18 Tage nach dem Posting: „Kurz gesagt: Sie fordern, mir die Einreise nach China zu verbieten, mich persönlich zu entschuldigen, das Verteidigungsministerium soll sich entschuldigen, das Schiff, von dem die ,Sichuan’ fotografiert wurde, nicht mehr in Häfen einlaufen zu lassen und den Fotografen einzusperren. Ich werde dort als Beamter des Verteidigungsministeriums, als aktiver Militärangehöriger und als jemand dargestellt, der keine Ahnung von den Verteidigungsfähigkeiten der ,Sichuan’ hat, weil er entschieden habe, dass sie mit einer einzigen X-31A versenkt werden könne. Verdammt, ich habe damit noch nicht einmal angefangen.”
Der tiefere Hintergrund
Der tiefere Hintergrund der wohl eher flapsig gemeinten Suggestivfrage dürfte die inzwischen manifestierte russische Unfähigkeit zum Bau größerer Kriegsschiffe sein. Russland scheitert seit Jahren spektakulär an der Werftüberholung seines einzigen Flugzeugträgers „Admiral Kuznetzov” (-> Russland verschrottet seinen einzigen Flugzeugträger).
Der Versuch, über Frankreich Know-how und zwei amphibische Angriffsschiffe der Mistral-Klasse zu erhalten, scheiterte 2014 an den Sanktionen infolge der Annexion der Krim. Um dieses eigene Versagen nicht thematisieren zu müssen, wird in russischen Militärkreisen zunehmend das Narrativ vertreten, dass große Militärschiffe in modernen Kriegsszenarien nicht mehr überlebensfähig seien. Fakt ist jedoch: Weltweit existieren rund 50 große Flugzeug- und Hubschrauberträger in 15 Staaten. Russland gehört inzwischen nicht mehr zu dieser Liga.
Typ 076 „Sichuan“
Bei dem betroffenen Schiff handelt es sich um das neueste und bislang größte amphibische Angriffsschiff der Marine der Volksbefreiungsarmee Chinas. Das Typschiff der neuen Klasse verdrängt rund 40.000 Tonnen, verfügt über ein durchgehendes Flugdeck sowie mehrere Aufzüge für den Betrieb von Luftfahrzeugen.
Die „Sichuan” ist für den Einsatz von Drehflüglern und Starrflügler-Drohnen ausgelegt. Ein Novum ist das speziell für unbemannte Systeme konfigurierte elektromagnetische Katapult – weltweit einzigartig für ein amphibisches Angriffsschiff. Dieses soll perspektivisch auch den Start bemannter Kampfflugzeuge, darunter Tarnkappenmuster der nächsten Generation wie die Shenyang J-35, ermöglichen. Mit der Einsatzfähigkeit der „Sichuan” wird derzeit Ende 2026 gerechnet.
Hier geht es zu weiteren Beiträgen rund um die chinesischen Streitkräfte.









