Die Schlacht von Königgrätz war ein Wendepunkt in der europäischen Geschichte. Am 3. Juli 1866 trafen etwa 420.000 Österreicher, Sachsen und Preußen westlich der tschechischen Stadt Hradec Králové in der zweitgrößten Schlacht des 19. Jahrhunderts aufeinander. Abertausende Tote und Verwundete bedeckten das Schlachtfeld, dessen Überreste noch heute in den Böden Böhmens liegen.

Schlachtfeldarchäologen widmen sich der Aufgabe, diese Spuren zu entdecken, zu dokumentieren und zu analysieren. Mit Metalldetektoren und präziser Feldarbeit gewähren sie Einblicke in das Leben und Sterben der Soldaten. Im Gespräch mit Militär Aktuell berichtet der Archäologe Matouš Holas von seiner Arbeit und erklärt, wie anthropologische und historische Analysen helfen, die Geschichten hinter den Uniformen wieder sichtbar zu machen. Denn Königgrätz hat auch 160 Jahre später noch viel zu erzählen.

Tiroler Kaiserjäger in der Schlacht von Custozza (1866)

Herr Holas, erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie zum ersten Mal einen Fund aus dem Jahr 1866 in den Händen hielten? Was war das – und was ging Ihnen in diesem Augenblick durch den Kopf?
Artefakte von den Schlachtfeldern von 1866 hatte ich schon in der Hand, bevor ich mein Archäologiestudium begann. Mein Vater ist ein leidenschaftlicher Sammler solcher Funde, und ich glaube, dass die meisten lokalen Geschichtsbegeisterten des Preußisch-Österreichischen Krieges von 1866 zu Hause ihre eigene kleine Sammlung haben.

Ich erinnere mich noch an meinen ersten Fund: Es war eine österreichische Kartätschenkugel, die ich auf einem Feld nahe Chlum entdeckte, wo damals leichte Feldschanzungen für die Artillerie ausgehoben worden waren. Ich wollte dort nur spazieren gehen, und plötzlich sah ich die Geschosskugel einfach auf dem Boden liegen. Solche Munition findet man auf den ehemaligen Schlachtfeldern Böhmens in großen Mengen. Für Archäologen besteht dabei die Herausforderung, zu entscheiden, wie diese Funde dokumentiert werden sollten und ob es überhaupt sinnvoll ist, dies zu tun.

Bagger tragen die obere Erdschicht nach und nach ab. Das Schlachtfeld von Königgrätz ist heute noch eine wahre Fundgrube – ©Matouš Holas
Bagger tragen die obere Erdschicht nach und nach ab. Das Schlachtfeld von Königgrätz ist heute noch eine wahre Fundgrube.

Der Bau der Autobahn D35 nordwestlich von Hradec Králové durchschneidet das Schlachtfeld von 1866. Was verbirgt die Erde 160 Jahre nach der gewaltigen Schlacht von Königgrätz noch?
Während unserer Arbeiten mit Metalldetektoren haben wir auf den Feldern Tausende Artefakte gefunden, die dort nach dem Abzug der Armeen zurückgeblieben waren. Die meisten davon sind jedoch durch die fortlaufende Bodenbearbeitung und landwirtschaftliche Maschinen stark beschädigt. Deshalb handelt es sich meist nur um Fragmente oder Reste militärischer Ausrüstungsgegenstände, in größerem Umfang vor allem um Munition.

Das Suchgebiet wird von den Archäologen systematisch mit Metalldetektoren abgesucht – ©Matouš Holas
Das Suchgebiet wird von den Archäologen systematisch mit Metalldetektoren abgesucht.

Bei jedem Fund wird die genaue Position erfasst, sodass wir später große Karten erstellen können, die konkrete Ereignisse der Schlacht nachvollziehbar machen. So ist es uns beispielsweise gelungen, den Standort des Artilleriefeuers, Positionen der Kanoniere oder Lagerplätze der Truppen zu identifizieren.

In anderen Fällen haben wir Soldatengräber gefunden. Insgesamt haben wir auf dieser Fläche zwölf Gräber entdeckt, in denen mehr als sechzig Soldaten, meist Angehörige der kaiserliche-königlichen österreichischen Armee, bestattet waren. Aktuell werten wir alle Funde aus und hoffen, dass es uns gelingt, einige der Soldaten sogar direkt zu identifizieren.

Wie sieht der typische Arbeitstag eines Schlachtfeldarchäologen im Gelände aus? Können Sie den Ablauf Ihrer Arbeit kurz beschreiben?
Jeder Archäologe muss morgens zunächst von seinem Büro zu der Stelle fahren, an der die Forschung durchgeführt wird. Unser eigentlicher Arbeitsplatz liegt meistens mitten auf einem Feld. Vor Ort planen wir dann die Arbeiten sowohl für die Arbeiter als auch für die Baumaschinen (Bagger), die uns helfen, die Ackererde abzutragen, unter der wir dann die archäologischen Befunde und Artefakte untersuchen können.

Ebenso wichtig ist die Festlegung der Methode, wie die freigelegten archäologischen Befunde im Gelände dokumentiert werden, sowie die Planung des Transports der Artefakte ins Museum. Die abschließenden Arbeiten bestehen dann in der Erstellung des Forschungsberichts und gegebenenfalls in der Vorbereitung einer Ausstellung.

„Königgrätz war ein Wendepunkt – nicht nur für Preußen und Österreich“

Bei der Verlegung des Denkmals des k.k. Infanterie-Regiments Nr. 49 beim Holawald wurde ein Massengrab freigelegt. Was geschieht in solchen Fällen mit den Fundstücken – und was mit den menschlichen Überresten?
In der Nähe des Denkmals des k.k. Infanterie-Regiments Nr. 49 beim Holawald haben wir in der Tat ein Massengrab von sechzehn Soldaten der österreichischen Armee entdeckt. Das Grab musste schrittweise freigelegt, dokumentiert und die Überreste der Soldaten zusammen mit den Artefakten geborgen werden. Die Artefakte verbleiben im Museum, unter anderem, um gegebenenfalls die Zugehörigkeit der Soldaten zu einem bestimmten Großverband nachweisen zu können. Die Überreste werden in den kommenden Jahren in einem eigens errichteten Ossarium (Beinhaus) neu beigesetzt, jeweils mit einer Beschreibung, um was für einen Soldaten es sich handelte und was ihm in der Schlacht widerfahren ist. Diese Informationen werden derzeit mithilfe aller verfügbaren Mittel ermittelt, nämlich durch anthropologische Analysen der Knochen sowie durch die Untersuchung historischer Quellen und Artefakte.

Die Gefallenen wurden damals häufig geplündert, bevor ihre Körper in Massengräbern bestattet wurden. Neben Knöpfen und Abzeichen tauchen immer wieder persönliche Gegenstände auf. Was können uns solche Funde über die Menschen hinter den Uniformen erzählen?
Die Gestaltung der Gräber, die Uniformen der Soldaten und ihre Positionen können uns heute Hinweise darauf geben, wer das Grab im Jahr 1866 angelegt hat. Die Funde zeigen, dass einige Gräber von Einheimischen ausgehoben wurden, die viele persönliche Gegenstände der Gefallenen behielten und die Soldaten lediglich in Hemden begruben. Andere Gräber hingegen sind mit Hunderten von Gegenständen gefüllt, darunter Münzen, Schuhe und persönliche Effekte. Diese Gräber wurden offenbar unter Aufsicht der Preußen angelegt oder möglicherweise von Gefangenen – also von Kameraden der beigesetzten österreichischen Soldaten – ausgehoben. In ihnen spiegelt sich somit eine Art Pietät und Verbundenheit mit den gefallenen Kameraden wider.

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