Der ukrainische Verteidigungsnachrichtendienst (DIU) hat in der Kategorie „Waffensysteme” im Abschnitt „Waffenkomponenten” des Portals „Krieg & Sanktionen” Informationen zu Russlands jüngster Geran-Drohnen-Modifikation veröffentlicht. Die als Serie „E” auf Basis der Geran-2-Drohne bezeichnete Konstruktion trägt als wesentlichstes Merkmal ein tragbares Luftverteidigungssystem (MANPADS, -> Kleinstraketen mit großer Wirkung: Was sind MANPADS?) der neuesten russischen Generation 9K333 Verba am Rücken.
Chinesisches Zielsuch- und Folgesystem
Am Bug verfügt die Drohne selbst über eine Drei-Achsen-stabilisierte elektro-optische und Infrarotkamera des chinesischen Typs Honpho TS130C-01. Das 1,26 Kilogramm schwere, schwenkbare Gerät, liefert HD Taglicht-Videos mit einer Detektionsreichweite von bis zu 15 Kilometern und acht Kilometer Erkennungsreichweite für Fahrzeuge. Beim Infrarotsensor liegen diese Werte bei 4,2 Kilometer respektive einem Kilometer. Hinzu kommt ein Laserentfernungsmesser bis vier Kilometer Reichweite.
Die Kamera unterstützt laut Hersteller unter anderem Such- und Verfolgungs- sowie Führungsmodi.

Missbrauch ziviler Kommunikationsinfrastruktur
Der DIU schreibt, dass „der Einsatz dieser Modifikation eine manuelle Echtzeitsteuerung durch einen Bediener erfordert”. Zu diesem Zweck ist die Drohne mit einem Mesh-Modem XK-F358 des chinesischen Herstellers Xingkay Tech (VR China) ausgestattet. Dieses arbeitet in den Bändern UHF, L, S sowie im C-Band mit Frequenzen ab 350 MHz bis 6.000 MHz und unterstützt Datenübertragungsraten bis 100 Mbps/20MHz und 180 Mbps/40MHz.

Das Gerät unterstützt mobile Kommunikation bis Geschwindigkeiten über 800 km/h. Die Anzahl der Hops in Mesh-Netzwerken ist unbegrenzt, die Netzwerkzugriffs-, Aktualisierungs- und Umschaltzeiten betragen weniger als eine Sekunde.
So kann das System zum Beispiel über offene WLAN-Netze, 4G LTE Mobilfunknetze oder per Satellit gesteuert werden. Das System ist in der Geran-2 mit Raspberry PI 4 Model Mikrocomputer, einem 3G/4G USB-Modem, einem Flugregler, einem Trägheitsnavigationssystem und einem 12-Kanal-GNSS-Empfänger „Kometa” ausgestattet.
MANPADS auf der Drohne
Auf der Geran-2E ist die schultergestützte Flugabwehrrakete 9K333 mit der NATO-Bezeichnung SA-29 Gizmo montiert – eine Weiterentwicklung der älteren Igla-S-Reihe und das aktuell modernste russische System seiner Art. 9K333 Verba zeichnet sich durch eine verbesserte Zielerkennung und eine höhere Widerstandsfähigkeit gegen Störmaßnahmen aus. Der multispektrale optische Suchkopf ist mit drei Sensoren im ultraviolett, nah-infrarot und mittel-infrarot Bereich ausgestattet. Dies soll der Rakete ermöglichen, besser zwischen Zielen und Täuschkörpern oder anderen Störmaßnahmen zu unterscheiden und verringert die Wahrscheinlichkeit, dass die Rakete durch solche Maßnahmen abgelenkt werden kann. Laut Hersteller kann 9K333 Luftziele mit geringer Infrarotsignatur effektiv bekämpfen.
Die effektive Reichweite beträgt vom Boden aus bis zu rund 6,5 Kilometer. Maximal erreichbar ist eine Flughöhe von 4,5 Kilometern, 17,25 Kilogramm wiegt das Gerät.

Funktionsweise
Sobald ein Luftziel erfasst ist, muss der Bediener nacheinander zwei Servomechanismen aktivieren. Während der erste die chemische Batterie und das Stickstoffkühlsystem des Suchkopfes des MANPADS aktiviert, sorgt der zweite Servomechanismus dafür, dass eine speziell entwickelte Schutzabdeckung geöffnet wird, nachdem der Suchkopf die erforderliche Temperatur erreicht hat. Wie der DIU weiter wissen ließ, sei der Auslöser der Rakete mittels Kabelbindern dauerhaft in der gedrückten Position fixiert, wodurch ein automatischer Start unmittelbar nach Zielerfassung durch den Suchkopf gewährleistet wird.
Selbst nach Abschuss der MANPADS-Rakete dürfte die Drohne weiterhin eine Gefahr darstellen. Denn das untersuchte Exemplar enthielt zusätzlich zur Verba auch einen vollwertigen thermobarischen Primärsprengkopf an Bord.
Bewertung
Die Ukraine erkennt in der Drohne eine Reaktion Russlands auf die erfolgreichen Operationen der ukrainischen Luftwaffe und Heeresflieger gegen feindliche UAVs. Russland versuche damit aktiv seine unbemannten fliegenden Plattformen zur Bekämpfung von Luftzielen anzupassen.
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In seiner derzeitigen Form stellt Geran-2E jedenfalls eine Bedrohung aller Luftfahrzeuge innerhalb der Reichweite der Drohne dar. Die Kommunikationsanlage ermöglicht sowohl Steuerung über Satellit als auch über lokale zivile Kommunikationsnetze. Der Operator kann innerhalb der Sensorreichweite der Honpho-Kamera nach Zielen suchen. Für eine erfolgreiche Zielerfassung muss die Drohne aber direkt auf ein erkanntes Ziel zufliegen. MANPADS-Systeme werden durch direktes Richten auf das Ziel aufgeschalten.
Für erfahrene Militärpiloten ist es relativ einfach den Anflug auf die Drohne anzupassen beziehungsweise deren Manövern auszuweichen. Geran-2 ist zwar in der Lage den Kurs und Höhe zu ändern, allerdings nur innerhalb enger Grenzen. Zu Roll-, Nick- und Giermanövern im Sinne einer Luftkampfdynamik ist die Drohne jedenfalls nicht in der Lage.

Keine Rücksicht auf zivile Luftfahrt
Für Luftfahrzeuge und deren Piloten, die zu solchen Ausweichmanövern nicht in der Lage sind – etwa zivile Flugzeuge –, stellt das System aber eine erhebliche Bedrohung dar. Es ist demzufolge weniger eine militärische und viel eher eine potenzielle Terrorwaffe.
Angesichts der Reichweite der Geran-2 von potenziell über 1.000 Kilometern kann eine Gefährdung der zivilen Luftfahrt in weiten Teilen Europas nicht ausgeschlossen werden. Insbesondere landende oder startende Zivilflugzeuge in der Nähe von Flughäfen sind gefährdet. Luftfahrzeuge in Reiseflughöhe kann die Geran-2E so jedoch nicht gefährden.
Seit den 1970er-Jahren kam es weltweit zu mehr als 40 Angriffen mit schultergestützten MANPADS-Flugabwehrraketen auf zivile Luftfahrzeuge. Dabei gab es 28 Abstürze, bei denen über 800 Passagiere ihr Leben verloren.

Prorussische Separatisten haben mithilfe eines von Russland zur Verfügung gestellten russischen Buk-Raketensystems (NATO-Code: SA-11 Gadfly) am 17. Juli 2014 den Malaysia-Airlines-Flugs MH17 auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über der Ostukraine abgeschossen. Alle 298 Menschen an Bord kamen ums Leben. Der Vorfall gilt als eines der schwerwiegendsten Kriegsverbrechen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt. Ein niederländisches Gericht verurteilte 2022 drei Männer – zwei Russen und einen Ukrainer – wegen ihrer Beteiligung am Abschuss.
Im Dezember 2024 hat die russische Flugabwehr den Azerbaijan-Airlines-Flug J2-8243 mit einer Pantsir-S1-Rakete getroffen. Die Maschine war auf dem Weg von Baku nach Grosny und stürzte schwer beschädigt beim Notlandeversuch in Kasachstan ab. Bei dem Vorfall kamen 38 der 67 Menschen an Bord ums Leben.
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