Russland hat seine Munitionsproduktion seit Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine massiv ausgeweitet. Wie aus einem aktuellen Bericht des estnischen Auslandsgeheimdienstes hervorgeht – über den das Portal Euromaidan berichtet –, erreichte die russische Jahresproduktion 2025 rund sieben Millionen Artilleriegeschosse, Mörsergranaten und Raketen. Das entspricht einer Steigerung um das 17-Fache gegenüber dem Vorkriegsjahr 2021, als die Produktion noch bei rund 400.000 Stück lag.
Nach Einschätzung der estnischen Analysten dient der Produktionsanstieg längst nicht mehr nur der Deckung des laufenden Bedarfs der russischen Streitkräfte im Ukraine-Krieg. Vielmehr sei es „höchstwahrscheinlich”, dass Moskau bereits strategische Reserven wieder auffüllt, die in den ersten beiden Kriegsjahren weitgehend aufgebraucht wurden.
Vor der Invasion 2022 soll Russland über einen Bestand von bis zu 20 Millionen Geschossen verfügt haben. In der Hochphase der Offensive im Frühjahr 2022 verschossen russische Truppen zeitweise bis zu 60.000 Schuss pro Tag, später stabilisierte sich der Verbrauch bei 10.000 bis 15.000 Schuss täglich.
Die estnische Bewertung ist deutlich: Moskau bereite sich „mit hoher Wahrscheinlichkeit” auf künftige Konflikte vor – selbst während der laufenden Kampfhandlungen. Friedensgespräche würden demnach vor allem dazu dienen, Zeit zu gewinnen und internationale Beziehungen, insbesondere zu den USA, neu zu justieren.
Massive Investitionen – günstige Stückpreise
Die Produktionssteigerung erfolgte zunächst durch die Reaktivierung stillgelegter Kapazitäten, später durch umfangreiche Investitionen in die Munitionsfertigung. Allein 2025 sollen rund 3,4 Millionen Haubitzengeschosse (122, 152 und 203 Millimeter), 2,3 Millionen Mörsergranaten, 800.000 Panzer- und Schützenpanzergranaten sowie 500.000 Raketen für Mehrfachraketenwerfer gefertigt worden sein.

Die Beschaffungskosten beliefen sich laut Bericht auf rund eine Billion Rubel (umgerechnet etwa 10,6 Milliarden Euro). Trotz dieser Summe liegen die Stückpreise deutlich unter westlichem Niveau: Eine 152-Millimeter-Granate kostet demnach weniger als 100.000 Rubel (rund 1.050 Euro) – ein Bruchteil vergleichbarer 155-Millimeter-Munition aus westlicher Produktion. Möglich sei dies allerdings nur durch staatliche Subventionen entlang der gesamten Lieferkette.
Abhängigkeit von Iran und Nordkorea
Die Eigenproduktion wird durch umfangreiche Importe ergänzt. Seit 2023 habe Russland schätzungsweise fünf bis sieben Millionen Geschosse aus dem Iran und aus Nordkorea erhalten. Nach ukrainischen Angaben stammte in der zweiten Jahreshälfte 2025 etwa die Hälfte der von Russland eingesetzten Artilleriemunition aus nordkoreanischer Produktion.
Engpässe in der Explosivstoffproduktion
Der Bericht verweist zugleich auf strukturelle Schwachstellen. Zwar sei es Russland offenbar gelungen, importierte Baumwollzellulose für die Nitrozellulose-Produktion durch heimische Holz- und Flachszellulose zu ersetzen. Ein kritischer Engpass bleibe jedoch die Herstellung konzentrierter Salpetersäure und sogenannter „Melange” – einer Mischung aus Salpeter- und Schwefelsäure. Diese werde ausschließlich in einem Werk in Beresniki produziert. Ein Ausfall dieser Anlage könnte die gesamte russische Munitionsproduktion empfindlich treffen.
Bemerkenswert: Die betreffenden Chemieunternehmen unterliegen laut Bericht bislang keinen EU-Sanktionen, da sie zugleich wichtige Stickstoffdünger herstellen – ein sensibler Faktor mit Blick auf die globale Ernährungssicherheit.

Kein unmittelbarer Angriff auf NATO-Staaten
Eine unmittelbare militärische Bedrohung Estlands oder anderer NATO-Staaten im kommenden Jahr sieht der estnische Geheimdienst nicht. Dennoch warnen europäische Militärs zunehmend vor einer mittelfristig wachsenden Gefahr. Die Produktionszahlen deuteten klar darauf hin, dass Russland seine industrielle Basis für einen längerfristigen militärischen Wettbewerb ausrichtet.
Die zentrale Schlussfolgerung des Berichts: Moskau konsolidiert seine militärisch-industriellen Kapazitäten nicht nur für den aktuellen Krieg, sondern als strategische Vorbereitung auf mögliche zukünftige Konflikte.
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