Wie sich durch ein vollständigeres Lagebild, differenzierte Informationsquellen und gezielte Führungsverantwortung der Erfolg militärischer Einsätze steigern lässt und was das alles mit Gleichstellungsthemen zu tun hat: Militär aktuell sprach darüber mit Ella van den Heuvel, ranghohe Offizierin und Fregattenkapitän der Königlichen Niederländischen Marine.
„Gender ist keine politische Korrektheit, sondern operative Intelligenz”, sagt Ella van den Heuvel, ranghohe Offizierin der Königlichen Niederländischen Marine und Botschafterin für Frauen, Frieden und Sicherheit. Das Interview fand im Rahmen der Women, Peace and Security-Woche des Landesverteidigungsministeriums 2025 in Wien statt.
Im Gespräch betont van den Heuvel, dass Einsätze nur dann erfolgreich sind, wenn die unterschiedlichen Erfahrungen von Männern und Frauen berücksichtigt werden. Wer das ignoriert, riskiert Fehler in der Planung und Umsetzung.
Frau Kommandantin van den Heuvel, Sie beschäftigen sich mit der Frage, wie militärische Einsätze wirksamer werden können. Wie genau fließt die Frauen-, Friedens- und Sicherheitsagenda in diese Arbeit ein?
Von 2020 bis 2024 war ich Beraterin des Generalstabschefs der niederländischen Streitkräfte für den Bereich WPS (Anmerkung: WPS steht für Women, Peace and Security und bezeichnet eine globale Agenda, die die entscheidende Rolle von Frauen bei der Konfliktprävention, Friedenssicherung und im Wiederaufbau betont). Meine Aufgabe war es, sicherzustellen, dass unsere Truppen im Einsatzumfeld verstehen, wer vor Ort Einfluss hat und wie unterschiedliche Gruppen, darunter Männer und Frauen, Sicherheit erleben. Heute unterstütze ich als WPS-Botschafterin andere Streitkräfte dabei, diese operative Perspektive systematisch in ihre Planungen zu integrieren.

Die Niederlande gelten als sehr fortschrittlich, insbesondere wenn es um gesellschaftliche Gleichstellung und Inklusion geht. Wie würden Sie die aktuelle Position von Frauen in Ihren Streitkräften beschreiben?
Wir haben bedeutende Fortschritte gemacht, aber wir sind noch nicht am Ziel. Alle militärischen Zweige und Funktionen stehen Frauen offen, doch der Anteil weiblicher Soldaten bleibt mit 12,5 Prozent relativ gering. Allein die Repräsentation ist jedoch nicht das Kernproblem. Entscheidend ist, ob Frauen sinnvoll teilnehmen können, ob ihre Expertise ernst genommen wird und ob die Organisation strukturelle Barrieren abbaut. Darin liegt die eigentliche Arbeit.
In Ihren öffentlichen Statements zum Thema betonten Sie immer wieder, dass Geschlechterperspektiven kein „weiches” Thema sind. Was meinen Sie damit konkret?
Geschlecht ist ein Teil des operativen Umfelds. Wenn Sie nicht verstehen, wer Zugang zu Informationen hat, wer auf lokaler Ebene Entscheidungen trifft, wer Ressourcen kontrolliert oder wie Männer und Frauen Unsicherheit unterschiedlich erleben, dann ist Ihre Lageeinschätzung unvollständig. Und unvollständige Informationen führen zu fehlerhaften Operationen. Die Integration von Geschlechterperspektiven verbessert die Ergebnisse von Missionen. So einfach ist das.
Viele Streitkräfte haben auf dem Papier Gender-Richtlinien festgelegt. Aber die Umsetzung ist schwierig. Was ist die größte Herausforderung?
Die größte Herausforderung ist die Konsequenz. Viele sehen Gender noch immer als etwas Zusätzliches und damit als optional. Sobald Zeit oder Ressourcen knapp werden, verschwindet das Thema aus der Planung. Wir müssen deutlich machen, dass Gender-Perspektiven Teil professioneller militärischer Planung sind und nichts mit einer politischer Agenda zu tun haben.
Stoßen Sie immer noch auf Widerstand innerhalb des Militärs?
Ja, natürlich. Veränderung erzeugt immer Widerstand. Manchmal resultiert er aus Missverständnissen. Manche denken, dass es bei Gender um politische Korrektheit geht. Aber sobald sie verstehen, dass es die Einsätze effektiver macht, lässt der Widerstand in der Regel nach. Was wir vermeiden müssen, ist, Gender als etwas darzustellen, das nur Frauen zugutekommt. Es kommt der Mission zugute.
„Wir müssen vermeiden, Gender als etwas darzustellen, das nur Frauen zugutekommt. Es kommt der Mission zugute.“
Sie haben in verschiedenen internationalen Kontexten gearbeitet. Wo sehen Sie die größten Fortschritte in der WPS-Agenda?
Ich sehe die größten Fortschritte in internationalen Friedenseinsätzen. Dort hat sich gezeigt, dass Einsätze erfolgreicher sind, wenn Frauen aus den lokalen Gemeinschaften einbezogen werden. Sie haben oft Informationen und Zugänge, die Männer nicht haben. Immer mehr Streitkräfte verstehen das und bilden ihr Personal gezielt dafür aus. Andere betrachten Gender noch immer als reines Berichtsthema. Der Fortschritt ist nicht überall gleich, aber er ist sichtbar.
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Welche Ratschläge würden Sie jungen Soldatinnen geben?
Ergreifen Sie Chancen, auch wenn Sie sich unvorbereitet fühlen. Unterschätzen Sie nicht den Wert Ihrer Perspektive. Ihre Erfahrungen sind keine Last, sie sind ein Vorteil. Seien Sie professionell, seien Sie selbstbewusst und entschuldigen Sie sich niemals dafür, Raum einzunehmen.
Worauf müssen sich die Streitkräfte in den nächsten zehn Jahren im Hinblick auf Geschlecht und Sicherheit konzentrieren?
Auf drei Dinge: Erstens, die Integration geschlechtsspezifischer Perspektiven in aufkommende Technologien wie KI und autonome Systeme. Zweitens, die Rolle von Frauen in Friedensprozessen zu stärken. Eine sinnvolle Beteiligung, keine symbolische Präsenz. Und drittens, sicherzustellen, dass Streitkräfte in einer zunehmend polarisierten Welt inklusive Organisationen bleiben. Geschlechtergleichheit ist Teil der operativen Widerstandsfähigkeit. Geschlechterperspektiven werden in zukünftigen Konflikten immer wichtiger werden, nicht weniger. Die WPS-Agenda ist kein ideologisches Projekt. Sie ist eine strategische Notwendigkeit.
Hier geht es zu weiteren Informationen rund um die WPS-Veranstaltung und hier zu weiteren Berichten über die Streitkräfte der Niederlande.








