Wie Militär Aktuell bereits berichtet hat, stehen mögliche deutsche U-Boote von TKMS für Kanada im Raum. Es geht um bis zu zwölf konventionelle U-Boote mit außenluftunabhängigem Antrieb (AIP) für die kanadische Marine – jedes mit einem geschätzten Preis deutlich über einer Milliarde Euro, inklusive Zubehör, Bewaffnung und logistischem Support. Die beiden Verteidigungsminister Deutschlands und Norwegens waren nun in Ottawa. Der in Frage kommende Typ 212CD ist eine Art Joint-Venture-Entwicklung beider Länder, und das Konsortium könnte diese U-Boote für Kanada auch direkt in Kanada produzieren.

U-Boote für Kanada wachsen ins Fadenkreuz – ©CTV
Bei einem gemeinsamen Interview beantworteten die beiden Verteidigungsminister Norwegens (links) und Deutschlands Fragen.

Boris Pistorius und Tor Sandvik führten dazu kürzlich Gespräche mit dem kanadischen Verteidigungsminister David McGuinty sowie Industrieministerin Mélanie Joly und gaben dem kanadischen Fernsehen ein gemeinsames Interview. Beide betonten die gemeinsame Rolle als Kanadas NATO-Partner in einer zunehmend sicherheitspolitisch angespannten Arktisregion angesichts Russlands Aktivitäten. In Kanada wird spekuliert, dass eine Entscheidung möglicherweise noch Ende dieses Jahres getroffen werden könnte. Vor diesem Hintergrund hier eine Zusammenfassung der zentralen Argumente.

„Dieses Projekt wird besser, wenn Kanada daran beteiligt ist“

Auf die Frage, ob Kanada ersichtlich unter Zeitdruck steht, antwortete Pistorius: „Sie haben definitiv Eile, und wir müssen uns alle beeilen und das, was wir tun, beschleunigen.”

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Norwegens Verteidigungsminister Sandvik erklärte zur Frage nach dem Zeitplan der Auslieferungen: „Produziert werden sollen sie ja vorerst bei uns. Wir beide sind aber der Meinung, dass dieses Projekt besser wird, wenn Kanada daran beteiligt ist. Und aus den Gesprächen hier habe ich verstanden, dass wir den für Kanada erforderlichen Lieferzeitrahmen ab 2034 einhalten können.”

„Wir müssen Partnerschaften eingehen“

Zur Einbindung Kanadas in die Produktion sagte Sandvik: „Wir müssen Partnerschaften eingehen. Wir Norweger kaufen ähnliche U-Boote wie Deutschland, damit wir sie gemeinsam warten können. Wir können gemeinsame Ersatzteile und Vorräte haben, können gemeinsam trainieren und gemeinsam in Einsatz gehen. Wenn Kanada beitritt, wird dies die größte konventionelle U-Boot-Flotte der Welt. Das stärkt unsere NATO-Partnerschaft und erhöht das Durchhaltevermögen in einer Krise – oder im schlimmsten Fall eines Krieges. Dann haben wir die Ersatzteile, die Munition, die Besatzungen und die Wartungsstrukturen, die wir benötigen. Denn U-Boote müssen ständig gewartet werden.”

Er betonte Kanadas Bedeutung: „Diese Partnerschaft mit einem Verbündeten wie Kanada zu erweitern, das wie Norwegen eine maritime Arktisnation ist und diese Region ebenso gut kennt, ist entscheidend – auch weil wir vom gleichen Aggressor bedroht werden: Russland.”

U-Boote für Kanada wachsen ins Fadenkreuz – ©Georg Mader
Norwegen und Deutschland erweiterten im vergangenen Dezember ihre ursprüngliche Beschaffung auf jeweils sechs U-Boote des Typs 212CD.

„Der Vorteil liegt einfach auf dem Tisch. Es ist mehr Interoperabilität, mehr Austauschbarkeit, aber insbesondere die gemeinsame Perspektive auf den Nordatlantik, den hohen Norden und auch auf den Indopazifik”, ergänzte Pistorius. „Ich meine, wir alle stehen der Realität im nördlichen Teil unserer Welt gegenüber. Russland remilitarisiert die Region, China ist ansteigend präsent, also müssen wir uns dem gemeinsam stellen und gemeinsam dagegen Vorsorge treffen. Wir müssen also abschrecken und uns verteidigen und wenn wir das gemeinsam tun, mit gemeinsamer Beschaffung, gemeinsamer Entwicklung von Waffen und Systemen und allem, dann sind wir stark genug das zu tun. Das tun wir auf der Grundlage derselben Werte, derselben Perspektiven und reicher Erfahrung auf dem Gebiet.”

Norweger haben Auge auf russische Nordflotte

In der Folge sprach Tor Sandvik auf Nachfrage zur Bedrohungslage ausführlich über die tägliche sicherheitspolitische Realität in der arktischen Nachbarschaft zu Putins Russland: „Wir sind die Augen und Ohren der NATO im hohen Norden. Die NATO ist ein Verteidigungsbündnis, kein Aggressor – wir würden niemals jemanden aus eigener Initiative angreifen. Umgekehrt geht die Bedrohung in erster Linie von Russland aus, aktuell sichtbar in der Ukraine (-> Aktuelle Meldungen aus dem Ukraine-Krieg). Deren heldenhafter Kampf ist einer für die Sicherheit ganz Europas und auch der Welt. Denn wenn Putin in der Ukraine Erfolg hat, wird es nicht nur für Europa, sondern global gefährlich: für die regelbasierte Ordnung – und weil er dann möglicherweise nach weiteren Ländern greifen kann.”

©Militär Aktuell

„Ja, Putin hat rund eine Million Soldaten als Gefallene und Verwundete verloren, täglich zwischen 1.000 und 1.500 auf dem Schlachtfeld. Aber wir wissen als direkter Nachbar Russlands in der Arktis, dass die Nordflotte auf der Kola-Halbinsel und in Poljarny weiterhin intakt ist. Die strategischen U-Boote mit ihren Atomwaffen existieren unverändert. Ebenso die Angriffs- und Mehrzweck-U-Boote, die spionieren, Pipelines, Internetkabel und Stromverbindungen am Meeresboden bedrohen sowie unsere transatlantischen Versorgungs- und Transportlinien”, so der norwegische Verteidigungsminister weiter.

Er betonte die geostrategische Bedeutung der Region: „Deshalb müssen wir Russland abschrecken. Wir müssen genau verfolgen, was im Norden und auf der Kola-Halbinsel geschieht. Der kürzeste Weg nach Nordamerika, nach Kanada, führt über den Nordpol, auch für die Atomwaffen auf der Kola. Wir überwachen diese Region 24/7. Wir wissen, dass Russland dort neue Raketen testet, darunter hyperschallfähige Systeme. Sie testen nuklearbetriebene Torpedos und Marschflugkörper. Deshalb stehen wir in einer strategischen Partnerschaft mit dem Vereinigten Königreich und natürlich mit Kanada. Gemeinsam investieren wir in Interoperabilität und bilden eine Art Familiengemeinschaft, die über Jahrzehnte zusammenbleiben und diese Systeme gemeinsam entwickeln wird.”

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Der deutsche Verteidigungsminister ergänzte auf die Frage, ob man irgendwo bei Russland oder Putin ein Zeichen von Einlenken oder Waffenstillstandsbereitschaft erkenne: „Nein, überhaupt nicht. Leider.” Pistorius erinnerte an Putins Rede beim Valdai-Forum, die im Westen kaum Beachtung gefunden habe. Dort sagte Putin, Russland stünde erst am Anfang eines unerbittlichen Kampfes, eines Kampfes um eine neue Weltordnung. „Das ist sehr ernst. Das ist eine klare Ankündigung dessen, wohin er will und was er anstrebt. Wir haben eine reale Bedrohung – und keinerlei Bereitschaft zu verhandeln. Jeder Versuch, ob von Donald Trump oder anderen, ist gescheitert, weil Putin nicht wollte. Er will weitermachen.”

„Deshalb müssen wir den Druck erhöhen, indem wir die Ukraine noch stärker unterstützen. Die Kanadier sind emotional, mental und materiell unter den größten Unterstützern der Ukraine. Und wir – Norwegen, Deutschland und andere Länder wie Kanada – sollten sogar noch weiter voranschreiten”, betonte Pistorius abschließend.

Andeutung zu Saab AEW&C Global Eye aus Kanada?

U-Boote für Kanada wachsen ins Fadenkreuz – ©CTV
Bei der kanadischen Marine ist nur eines der vier U-Boote der veralteten Victoria-Klasse einsatzbereit. Der Zeitfaktor spielt bei der Beschaffung also auch eine Rolle.

Minister Pistorius zeigte sich auch beim Ansprechen technischer Aspekte sowie möglicher industriepolitischer Bedeutung gut vorbereitet: „Zunächst einmal wurden nur 41 Prozent der U-Boot-Produktion der vergangenen 80 Jahre in den Ländern realisiert, die diese Boote auch beschafft haben. Der Rest entfiel auf Käufe im Ausland oder Kooperationen. Es gibt eine breite Palette an Kooperationsfeldern – nicht nur militärisch oder im Bereich der U-Boot-Produktion, sondern auch in zivilen Bereichen wie Rohstoffen, Automobilindustrie oder Batterietechnologie. Eine enorme Vielfalt also, verbunden mit Arbeitsplätzen und Einnahmen für Kanada.”

Pistorius führte weiter aus: „Aus meiner Perspektive als Verteidigungsminister besonders wichtig: Wir werden das ausgezeichnete kanadische Gefechtsführungssystem für unsere gesamte Marine beschaffen. Und wir werden in den kommenden Jahren mindestens 18 – möglicherweise sogar mehr – Flugzeuge kaufen, wenn es um ‚globale Augen’ geht.” Gemeint ist das Saab AEW&C-System Global Eye, das auf dem kanadischen Businessjet Global Express von Bombardier basiert.

Zudem verwies Pistorius auf gemeinsame europäisch-kanadische Rüstungsentwicklungen: „Kanada und die EU entwickeln derzeit den Anti-Torpedo-Torpedo, ein hochmodernes System, das ebenfalls Arbeitsplätze in Kanada schaffen wird.”

„Unsere U-Boote sind moderner“

Auf die Frage nach dem einzigen Konkurrenten Südkorea sagte Pistorius, dass diese wohl sehr gute U-Boote bauen – „aber unsere sind besser, moderner. Sie gehören einer völlig neuen Generation an und verfügen über schwer detektierbare Unterwasser-Stealth-Technologie. Der fortschrittliche außenluftunabhängige Antrieb ermöglicht es, länger unter Wasser zu bleiben, als wir Proviant an Bord haben.”

U-Boote für Kanada wachsen ins Fadenkreuz – ©CTV
Die U-Boote der KSS-III-Klasse von Hanwha sind ebenfalls im Gespräch.

Angesichts der besonderen Dringlichkeit – nur eines der vier ab 2000 in Dienst gestellten kanadischen U-Boote der veralteten britischen Victoria-Klasse ist noch einsatzbereit – ergänzte Pistorius: „Durch den Erwerb der Werft in Wismar, der übrigens nur möglich wurde, weil wir im Dezember die weitere U-Boot-Bestellung für die deutsche Marine für jenen Typ 212CD auf den Weg gebracht haben, sind beide Werftstandorte gesichert und können ihre Kapazitäten erhöhen. Deshalb konnte TKMS bereits ankündigen, künftig drei bis vier U-Boote pro Jahr zu produzieren. Ich denke, ab 2027 wird das realistisch. Und wenn Kanada sich entscheidet, künftig auf eigenem Territorium zu produzieren – sofort oder in einem zweiten Batch – ist das möglich und ausdrücklich vorgesehen.”

Konkurrenz wehrt sich

Das südkoreanische Unternehmen Hanwha ist einer der beiden ausländischen Finalisten im kanadischen Vergabeverfahren für bis zu zwölf neue U-Boote. Der kanadische Premierminister Carney besuchte im Rahmen des Asien-Pazifik-Gipfels Anfang November auch Südkorea und die Hanwha-Werft. Im Vorfeld einer möglicherweise noch heuer fallenden Entscheidung sprach der kanadische Sender CTV mit Hanwha-CEO Michael Coulter.

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Coulter erklärte: „Die kanadische Regierung weiß, dass wir ein ausgezeichnetes U-Boot haben, das alle Anforderungen erfüllt.” Er setzt aufs Liefertempo und verspricht, alle vier ersten U-Boote bis 2035 zu ersetzen und danach jedes Jahr ein Schiff zu liefern, bis Kanada bis 2042 insgesamt ein Dutzend erhält. Ein Großteil des Vertrags, der sich über Jahrzehnte erstreckt, betrifft die Wartung. Dazu habe Hanwha schon mehr als 30 kanadische Unternehmen verpflichtet.

Zum europäischen Vorschlag einer (Teil-)Produktion in Kanada sagte Coulter skeptisch: „Das würde das Projekt mit Sicherheit verzögern. Wenn Kanada Wert auf schnelle beziehungsweise pünktliche Lieferung legt, wäre der Zeitplan stark gefährdet, sobald man in Europa Produktionskapazitäten aufbaut und die U-Boote anschließend in Kanada montiert oder ausrüstet. Deshalb haben wir einen solchen Vorschlag nie gemacht. Wir können schneller liefern.”

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Quelle©Georg Mader