Tschechiens Rüstungsindustrie im Aufwind: Steigende Budgets, Modernisierungen und wachsende Exporte lassen die Branche florieren. Doch Fachkräftemangel, Lieferengpässe und geopolitische Unsicherheiten stellen zugleich große Herausforderungen dar.

Das Jahr 2025 markiert einen Wendepunkt für die tschechische Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Die Tschechische Republik erreicht in diesem Jahr die versprochenen Verteidigungsausgaben von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und in Kombination mit den auch in den meisten anderen europäischen Ländern steigenden Verteidigungsbudgets – insbesondere als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine (-> Aktuelle Meldungen aus dem Ukraine-Krieg) – eröffnet sich für die lokalen Unternehmen ein erhebliches Potenzial zur Entwicklung von Produktion, Innovation und Export.

Allerdings lastet auf dem Sektor eine schwere Hypothek aus früheren Unterfinanzierungen, und Experten sind sich einig, dass die Verteidigungsausgaben deutlich über zwei Prozent steigen müssen, um die vollständige Modernisierung der Armee voranzutreiben – und den Sektor nachhaltig wachsen zu lassen. In den vergangenen drei Jahren beliefen sich die Verteidigungsausgaben auf rund 16,1 Milliarden Euro.

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Die Regierung beschleunigt derzeit die Modernisierungsprojekte der tschechischen Armee – neben F-35-Kampfjets werden auch Leopard 2A8-Kampfpanzer und CV90-Schützenpanzer beschafft – und fördert dabei auch eine stärkere Einbindung heimischer Unternehmen durch Offsets und internationale Partnerschaften.

Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Aufbau einer strategischen Autarkie – insbesondere in der Munitionsproduktion und bei kritischen Komponenten. Dennoch stehen die Hersteller vor Herausforderungen wie Rohstoffknappheit – man denke nur an rauchloses Pulver und Nitrocellulose –, begrenzten Kapazitäten und einem zunehmenden Innovationsdruck, der von Industrie 4.0 bis hin zu Weltraum- und Cybersicherheitstechnologien reicht.

Von der Vorkriegs-Tschechoslowakei zum aktuellen Boom

Die tschechische Verteidigungsindustrie knüpft an die traditionsreichen Wurzeln der Vorkriegszeit an. In den 1930er-Jahren zählte die damalige Tschecho­slowakei zu den führenden europäischen Herstellern von Artilleriesystemen, Infanteriewaffen, Munition und Flugzeugen. Mehr als 70.000 Menschen waren damals im Sektor beschäftigt, Unternehmen wie die Škoda-Werke, Zbrojovka Brno, Aero Vodochody und Tatra waren weltbekannt, der Exportanteil der Branche lag bei etwa 20 Prozent der gesamten industriellen Ausfuhren des Landes.

Während des Kalten Krieges, im Rahmen des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), konzentrierten sich die tschechoslowakischen Betriebe dann auf die Massenproduktion von Militärtechnik für den Ostblock. Ende der 1980er-Jahre beschäftigte der Sektor rund 100.000 Menschen, und das jährliche Produktionsvolumen belief sich auf mehrere Milliarden Euro.

Tschechiens Rüstungsindustrie: von der Vergangenheit in die Zukunft -©Armáda České Republiky, Privat, Czechoslovak Group, Omnipol, Colt CZ Group, Aero Vodochody, STV Sropu, PBS Group
Nationale Beschaffungspläne: Zum ersten Mal seit 20 Jahren hat Tschechien 2024 das NATO-Ziel erreicht, mindestens zwei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Verteidigungsausgaben aufzuwenden. Damit flossen 2024 rund 6,6 Milliarden Euro in die Streitkräfte – unter anderem in den Kauf neuer Leopard-Kampfpanzer.

Nach dem politischen Systemwechsel Ende 1989 („Samtene Revolution”) durchlief die Industrie allerdings eine Restrukturierung und tiefgreifende Transformationen. Viele Unternehmen mussten schließen oder wurden privatisiert. Erst nach und nach übernahm die Branche dann die Standards der NATO, nachdem die Tschechische Republik 1999 der Allianz beigetreten war. Neu gegründete private Holdings wie die Czechoslovak Group, Omnipol und später die Colt CZ Group konsolidierten die Branche schrittweise.

Ein entscheidender Wendepunkt war dann die russische Annexion der Krim im Jahr 2014 und die darauffolgende Invasion der Ukraine im Jahr 2022. In der Folge stiegen europaweit die Verteidigungsausgaben – und die tschechischen Unternehmen konnten dank ihrer Tradition, den schon zuvor gesetzten Modernisierungsmaßnahmen und ihrer Fähigkeit, flexibel auf neue Herausforderungen zu reagieren, die steigende Nachfrage bedienen. Viele Betriebe fuhren die Produktion hoch, umfangreiche Exportaufträge konnten an Land gezogen werden.

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Starke Impulse: Modernisierung, Auftragswachstum und Innovation

Noch mehr Rückenwind verleiht der Branche die laufende Modernisierung der tschechischen Streitkräfte. Mit der Einführung von Leopard 2A8-Panzern und CV90-Schützenpanzern sowie der Anschaffung von F-35-Kampfflugzeugen entstehen neue Chancen. Unternehmen wie Tatra Trucks (Radfahrzeuge) und Excalibur Army (Modernisierung der T-72EA-Panzer) profitieren von der steigenden Nachfrage nach nationaler Zusammenarbeit. Die Regierung fördert zudem gezielt die Verknüpfung von Industrie, Universitäten und Forschungseinrichtungen. Ziel ist es, praxisorientierte Studienprogramme und innovative Forschung zu etablieren, die den Anforderungen der modernen Verteidigungsindustrie gerecht werden.

Tschechiens Rüstungsindustrie: von der Vergangenheit in die Zukunft -©Armáda České Republiky, Privat, Czechoslovak Group, Omnipol, Colt CZ Group, Aero Vodochody, STV Sropu, PBS Group
Wichtiger Branchenplayer: Adam Drnek ist Geschäftsführer des Future Forces Forum in Prag.

Der Krieg in der Ukraine hat zudem die immense Bedeutung von Munition – von Artillerie- über Panzer- bis hin zu Kleinkalibermunition – deutlich gemacht. Unternehmen wie CSG Ammo+ (Teil der Czechoslovak Group), STV Group und Sellier & Bellot (seit 2024 im Besitz der Colt CZ Group) steigern deshalb aktuell ihre Produktionskapazitäten erheblich und führten kontinuierliche Schichtbetriebe ein. Um den Mangel an strategischen Rohstoffen wie rauchlosem Pulver und Nitrocellulose zu beheben, hat die Czechoslovak Group ein Werk im niedersächsischen Walsrode übernommen. Und die RSBC Investment Group sicherte sich im vergangenen Jahr sogar ein großes Stück rot-weiß-roter Industriegeschichte: Die Gruppe übernahm von der SMH Holding 100 Prozent an Waffenhersteller Steyr Arms und will mit dem Unternehmen nun vor allem am europäischen und US-amerikanischen Markt expandieren, wie der bisherige Geschäftsführer und nunmehrige strategische Verantwortliche Tim Castagne gegenüber Militär Aktuell betont.

Milan Šlapák (-> Interview in Militär Aktuell: „Wir konzentrieren uns auf Defence”), CEO der RSBC Group und Nachfolger von Tim Castagne betonte schon bei der Übernahme: „Die Übernahme von Steyr Arms ist eine einmalige Gelegenheit. Wir sind stolz, an der weiteren Entwicklung des Unternehmens beteiligt zu sein. Steyr Arms verfügt über ein außergewöhnliches Produktportfolio, insbesondere im Bereich von Jagd- und Sportwaffen unter dem Namen Steyr-Mannlicher sowie Langwaffen für Militär und Polizei.”

„ich sehe in vielen bereichen
großes potenzial
für tschechische unternehmen.“

Adam Drnek, Geschäftsführer des Future Forces Forum in Prag

Forschung, Innovation und Digitalisierung

Die Produktion wird aber auch in anderen Bereichen hochgefahren, so hat die PBS Group zuletzt die Fertigung ihrer Strahltriebwerke erhöht, insbesondere für unbemannte Luftfahrzeuge (UAV). Mit einem Exportanteil von 25 Prozent nach Nordamerika und 15 Prozent nach Asien spielt das Unternehmen eine Schlüsselrolle auf dem internationalen Markt und auch Flugzeughersteller Aero Vodochody profitiert von der Aufrüstung im Westen.

Das Unternehmen vertreibt mit der L-39NG Skyfox einen der aktuell am meisten nachgefragten Jet Trainer der Welt (das Österreichische Bundesheer entschied sich zuletzt aber gegen den L-39NG und für die M-346FA des italienischen Herstellers Leonardo) und integriert verstärkt Industrie-4.0-Technologien in die Produktion. Damit spielt Aero Vodochody auch als Zulieferer für die ganz großen Player der Branche eine zunehmend wichtige Rolle – etwa mit der Fertigung von Vorflügeln für Airbus oder mit der Produktion diverser Komponenten für den Transportflieger Embraer  C-390 Millennium, der aktuell auch vom Bundesheer (-> Embraer startet Bau der ersten C-390M des Bundesheeres) und den tschechischen Streitkräften beschafft wird.

Tatra Lkw – ©Tatra
Die Lkw des tschechischen Herstellers Tatra sind vor allem für ihre Geländegängigkeit bekannt.

Zudem gewinnen auch Cybertechnologien, elektronische Kampfsysteme und Raumfahrt in der tschechischen Industrie zunehmend an Bedeutung. In diesen Bereichen sehen gleich mehrere lokale Unternehmen vielversprechende Chancen, sich in europäische (EDF) und NATO-Projekte einzubringen und ihre Position in der internationalen Verteidigungsindustrie weiter auszubauen, wie auch Adam Drnek, Geschäftsführer und Partner des Future Forces Forum in Prag, gegenüber Militär Aktuell betont: „Besonders in den Bereichen Cyber- und Weltraumtechnologien, Führungs- und Kommunikationssysteme sowie
Radar- und Aufklärungssysteme sehe ich großes Potenzial für tschechische Unternehmen. Die aktuellen Konflikte und Bedrohungen verdeutlichen zudem die Notwendigkeit, die Resilienz gegenüber hybriden Angriffen und die Unabhängigkeit von strategischen Rohstoffen zu stärken.” Adam Drnek weiter: „Moderne Technologien und eine ausreichende Eigenproduktion in Schlüsselbereichen sind daher unerlässlich.”

©Militär Aktuell

Internationale Zusammenarbeit und Offsets

Auch bei den Offsets für die F-35 ging zuletzt einiges weiter – auf der IDET in Brünn verkündete Hersteller Lockheed Martin zuletzt neue Partnerschaften mit Aero Vodochody, VZLU Aerospace und Vrgineers) und immer öfter gelingt es tschechischen Unternehmen auch, alternative Kooperationsmodelle zu etablieren. Erfolgreiche Verträge mit Embraer (Aero Vodochody) und Unteraufträge für führende westliche Unternehmen belegen diese Entwicklung.

Apropos Aero Vodochody: Der nahe Prag beheimatete Flugzeughersteller war mit seiner L-39NG zwar in Österreich nicht erfolgreich, liefert den Jet Trainer aber nach Ungarn (-> Erste ungarische L-39NG-Piloten einsatzbereit) und Vietnam. Die Czechoslovak Group (CSG) baut ihre internationale Präsenz wiederum durch strategische Akquisitionen aus, darunter die Kinetic Group in den USA und die schon erwähnte Chemiefabrik in Walsrode, was den Zugang zu amerikanischen und europäischen Märkten verbessert. Und die Colt CZ Group nutzt den weltbekannten Markennamen Colt (gegründet 1855) und die traditionsreiche tschechische Marke Sellier & Bellot (gegründet 1825), um ihre Position auf den Schlüsselmärkten in den USA und Europa weiter zu stärken.

L-39NG der Luftstreitkräfte Vietnams – ©Aero Vodochody
Ein wichtiger Vertreter der tschechischen Verteidigungsindustrie ist der Flugzeughersteller Aero Vodochody – das Unternehmen verkaufte unter anderem sechs Stück seines Jettrainers L-39NG an Vietnam.

Herausforderungen: Rohstoffe, Personal und strategische Kapazitäten

Trotz aller positiven Entwicklungen kämpft die tschechische Rüstungsindustrie auch mit einigen Problemen. Neben der schon erwähnten schwierigen Versorgung mit strategischen Materialien wie rauchlosem Pulver und Nitrocellulose fehlt es an allen Ecken und Enden an Fachkräften. Die Unternehmen suchen oftmals vergeblich nach Maschinenbauingenieuren, Chemikern und IT-Spezialisten. Um die dringend benötigten qualifizierten Arbeitskräfte zu gewinnen, verstärkt die Industrie gerade ihre Zusammenarbeit mit Hochschulen und fährt Investitionen in Stipendienprogramme hoch.

Erfolgreiche Expansion: Die Czecho­slovak Group als Marktführer

Die Czechoslovak Group (CSG) ist der größte Akteur der tschechischen Verteidigungsindustrie in Bezug auf Umsatz und Export. Im dritten Quartal 2024 erzielte die Gruppe einen Umsatz von 2,52 Milliarden Euro, was einem steilen Anstieg von 129 Prozent zum Vergleichszeitraum 2023 entspricht. Michal Strnad, Eigentümer und Vorstandsvorsitzender, erklärt: „Das Jahr 2024 brachte der CSG-Gruppe nicht nur erhebliche wirtschaftliche Fortschritte, sondern auch unsere bisher größte Akquisition in den USA. Obwohl die geopolitische Lage die Nachfrage nach Verteidigungsmaterial steigen lässt, sehe ich den Hauptgrund für unseren Erfolg in der Entschlossenheit und Dynamik unseres Teams, das uns zu einem starken globalen Akteur macht.”

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CSG konzentriert sich auf die Modernisierung von T-72EA-Panzern, die Entwicklung von Artilleriesystemen (Dita), gepanzerten Plattformen (Tadeas und Morana) sowie die Produktion von Munition (CSG Ammo+).

Langfristige Perspektiven

Auf Basis all der genannten Entwicklungen steht die tschechische Sicherheits- und Verteidigungsindustrie 2025 vor einer neuen Wachstumsphase. Adam Drnek vom Future Forces Forum unterstreicht abschließend: „Die aktuellen Konflikte und neuartigen Bedrohungen machen deutlich, wie wichtig Modernisierung und Widerstandsfähigkeit gegenüber hybriden Angriffen sind. Mit einem Fokus auf moderne Technologien und strategische Eigenproduktion kann die tschechische Verteidigungsindustrie ihre Position als respektierter und technologisch fortschrittlicher Partner innerhalb der NATO und auf den globalen Märkten weiter festigen.”

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Quelle©Armáda České Republiky, Aero Vodochody, Tatra