Chinas Exportkontrollen für Seltene Erden legen eine kritische Schwachstelle Europas offen. Ohne diese strategischen Rohstoffe stehen Hightech-Rüstung und Sicherheitsprojekte still. Niklas Hintermayer, Experte für Sicherheits- und China-Politik, über diesen Weckruf für Europas Verteidigungsfähigkeit.

Europa steht sicherheitspolitisch an einem Wendepunkt. Russlands Angriff auf die Ukraine, der Aufbau militärischer Fähigkeiten und Abhängigkeiten von globalen Lieferketten prägen die Lage. Zugleich hat China Exportkontrollen für Seltene Erden verhängt und damit eine zentrale Schwachstelle europäischer Verteidigungsfähigkeit offengelegt.

Diese Rohstoffe sind unverzichtbar für unter anderem Raketen, Radar-, Sensor- und Kommunikationstechnologien, Drohnen, Triebwerke für Kampfflugzeuge und elektrische Antriebsysteme in Marineschiffen. Ohne sie lässt sich moderne Rüstung nicht produzieren.

Militär Aktuell sprach darüber mit Niklas Hintermayer. Im Interview erklärt er, was Pekings Exportentscheidungen bedeuten, warum Europas Rüstungsindustrie unter Druck steht, welche Folgen das für Österreich hat und welche industriepolitischen Schritte jetzt dringend wären.

Niklas Hintermayer: Der gebürtige Wiener koordiniert beim Berliner Mercator Institute for China Studies (MERICS) die Programme Wissenschaft, Technologie und Innovation sowie Außenbeziehungen. Er forscht zu europäischer Sicherheitsarchitektur, Rüstungstechnologien und Chinas geopolitischer Rolle.©MERICS
Niklas Hintermayer: Der gebürtige Wiener koordiniert beim Berliner Mercator Institute for China Studies (MERICS) die Programme Wissenschaft, Technologie und Innovation sowie Außenbeziehungen. Er forscht zu europäischer Sicherheitsarchitektur, Rüstungstechnologien und Chinas geopolitischer Rolle.©MERICS

China hat im April sowie im Oktober Exportkontrollen für Seltene Erden eingeführt, jene weitaus breiter gefassten vom Oktober nach einem Treffen zwischen Xi Jinping und Donald Trump jedoch ausgesetzt. Was bedeutet das für Europas Rüstung und die Zeitenwende?
China hat im April 2025 Exportkontrollen für sieben der 17 Seltenen Erden eingeführt. Diese Rohstoffe werden unter anderem für Permanentmagnete verwendet, die in Schlüsseltechnologien stecken, zum Beispiel in Elektrofahrzeugen, Windkraftanlagen und eben auch in militärischen Anwendungen. Europäische Unternehmen müssen seither Exportlizenzen in China beantragen, um diese Materialien zu importieren. Diese Lizenzen dauern im Durchschnitt 40 bis 60 Tage, wenn nicht sogar länger. Einige europäische Unternehmen mussten sogar sechs bis sieben Monate warten. Im Verteidigungssektor ist das besonders sensibel, da Unternehmen detaillierte Informationen vorlegen müssen, darunter Fotos der Produkte und Angaben zur Verwendung von Seltenen Erden. Viele Anträge werden entweder gar nicht genehmigt oder sind erheblich verzögert. Das betrifft auch den Bereich der Dual Use Güter, also Güter, die sowohl zivil als auch militärisch verwendet werden können. Die Europäische Handelskammer in China (EUCCC) berichtet, dass Peking bis Anfang September nur 19 von 141 EU-Anträgen auf Lizenzen für Seltene Erden genehmigt hatte.

Im Oktober hat China die Kontrollen ausgeweitet. Diese verschärften Kontrollen konzentrierten sich strategisch auf den Verteidigungs- und KI-Sektor. Insgesamt wurden dann zwölf Rohstoffe sowie Batteriematerialien und Superhartstoffe erfasst, zusätzlich auch Verarbeitungs- oder Anwendungstechnologien für Seltene Erden sowie Maschinen. Neu war auch eine extraterritoriale Komponente, also dass auch die Weiterverarbeitung und der Re-Export von Produkten mit einem bestimmten Anteil an diesen Materialien weltweit den chinesischen Regeln unterliegen sollen. Zudem gab es eine sogenannte De minimis Schwelle: Sie bedeutet, dass selbst Produkte, die nur einen Anteil im Promillebereich an Seltenen Erden enthalten, den chinesischen Exportregelungen unterliegen könnten. Außerdem wurde eine „China Persons-Regel” eingeführt, wonach es für chinesische Fachkräfte oder juristische Personen im Ausland Genehmigungen braucht, wenn sie in einer Phase der Wertschöpfungskette in Projekte zur Verarbeitung von Seltenen Erden eingebunden sind.

Nach dem Treffen zwischen Trump und Xi in Südkorea wurden diese Regeln aus dem Oktober für ein Jahr ausgesetzt. Es gilt damit wieder der Stand von April. Das heißt aber nicht, dass das Problem gelöst ist. Die Exportkontrollen aus April existieren weiterhin, und die Verfahren bleiben lang und unsicher.

„ES geht nicht nur um den Abbau, sondern auch um die Weiterverarbeitung. Dort hat China einen Weltmarktanteil von etwa 90 Prozent!

Angesichts dieser Rohstoffe, wie abhängig ist Europa von China wirklich?
Sehr stark. China kontrolliert laut Schätzungen 60 Prozent des globalen Abbaus von Seltenen Erden. Entscheidend ist aber auch die Weiterverarbeitung. Dort hat China etwa 90 Prozent Weltmarktanteil. Europa importiert rund 98 Prozent seiner Seltenen Erden aus China, für Deutschland kommen 95 Prozent seiner Seltenen Erden-Importe aus China. Selbst wenn Europa Material aus anderen Regionen bezieht, wurde es oft vorher in China verarbeitet. Diese Abhängigkeit besteht schon lange, aber sie wird nun erst richtig sichtbar, weil China bei Verteidigungsgütern und Dual Use Materialen die Genehmigungen besonders streng prüft und zum Teil nicht erteilt.

Welche militärischen Systeme hängen konkret davon ab?
Praktisch alle Spitzentechnologien. Europäische Raketen beispielsweise sind häufig auf Seltene Erden wie Neodym, Praseodym (Anmerkung: in Neodym-Eisen-Bor-Magneten, NdFeB), Samarium (in Samarium-Kobalt-Dauermagneten) und wärmestabilisierende Additive wie Dysprosium angewiesen. Diese Materialien sind entscheidend für Systemintegratoren in Leit-, Ziel- und Steuerungssystemen. Scandium ist unter anderem wichtiger Bestandteile von Leichtbaulegierungen, die in Flugzeugen und unbemannten Flugsystemen zum Einsatz kommen.

Dysprosium und Terbium werden in Hochtemperaturmagneten für Düsentriebwerke verwendet. Radar und Sonarsysteme, Laserzielsysteme, unbemannte Fluggeräte, präzisionsgelenkte Waffen: überall fließen Seltene Erden ein. Das ist nicht theoretisch. Das ist die operative Ebene europäischer Verteidigungsfähigkeit.

Warum ist China in diesem Bereich so dominierend?
Einerseits geologisch, andererseits historisch und politisch begründet. China hat große Vorkommen, aber entscheidend ist die Wertschöpfung. Die Extraktion und Aufbereitung von Seltenen Erden ist teuer und umweltbelastend. China hat über Jahrzehnte investiert und übernimmt jene Kosten und Umweltlasten, die Europa und die USA gescheut haben. Dazu kommt ein großer heimischer Markt in Bereichen wie Elektromobilität und Windkraft, der diese Investitionen rentabel macht.

In den USA gibt es nur ein Bergbau-Unternehmen, MP Materials. Die US-Regierung hat einen Abnahmevertrag mit einer Preisgarantie für bestimmte Produkte gegeben und MP Materials hat langfristige Verträge mit General Motors abgeschlossen, um unter anderem Seltene Erden und Magnete für Elektrofahrzeuge zu liefern. In Europa gibt es solche Modelle kaum. Unternehmen scheuen noch die hohen Anfangskosten, weil sie keine Sicherheit haben, dass sich diese Investitionen auszahlen.

Bundesheer steigert Leistungsfähigkeit seiner Jagdkommando-Soldaten

Europa will unabhängiger werden. Wo steht das Projekt?
Es gibt erste Initiativen. In Frankreich entsteht mit Caremag als Tochtergesellschaft von Carester die erste große Recycling- und Verarbeitungsanlage für Seltene Erden in Lacq, die ab 2026 operieren soll. Sie konzentriert sich auf Dysprosium- und Terbiumoxide, allerdings vor allem für Elektromobilität und Windkraft, nicht primär für Verteidigung.

Polen hat mit der „Pulawy Rare Earths Separation Plant” ein Recycling- und Trennungsprojekt gestartet. In Italien und Frankreich gibt es weitere Recyclinginitiativen, um Seltene Erden zurückzugewinnen. Das britische Unternehmen Less Common Metals (LCM) plant, bis 2027, eine Produktionsanlage für Seltenerdmetalle und -legierungen in Frankreich zu errichten.

Aber die Rohstoffe müssen grundsätzlich nach wie vor importiert werden, weil es in Europa keine nennenswerte Erschließung und Abbau gibt. In Europa prüfen Norwegen und Schweden derzeit Bergbauprojekte für Seltene Erden, aber es wird voraussichtlich Jahre dauern, bis Produktionskapazitäten realisiert werden.

Der „EU Critical Raw Materials Act” ist ein wichtiger Rahmen, der rascher und mit größeren Finanzmitteln umgesetzt werden muss. Er umfasst 34 kritische Rohstoffe, 17 davon gelten als strategische Rohstoffe, die für strategische Technologien von entscheidender Bedeutung sind. Unter diesen 17 sind nur sieben Seltene Erden gelistet. Von 47 EU-Projekten im Rahmen des CRMA, beschäftigen sich nur fünf konkret mit Seltenen Erden. Der Fokus liegt derzeit stark auf den Bereich erneuerbare Energien und umweltfreundliche Mobilität.

Viele der betreffenden Rohstoffe könnten jedoch ganz grundsätzlich in Gütern mit doppeltem Verwendungszweck verwendet, beispielsweise in Batterien. Die Verteidigungsindustrie ist bisher nicht systematisch abgedeckt. Darüber hinaus hat die Union aber kürzlich 13 strategische Projekte veröffentlicht, die darauf abzielen, die Versorgung mit strategischen Rohstoffen aus Gebieten außerhalb der EU sicherzustellen.

„Bei kritischen vorprodukten auf Basis seltener Erden ist ÖSterreich abhängig von China.“

Was bedeutet das für Österreich?
Österreich ist neutral, aber wirtschaftlich voll in Europa eingebunden. Bei kritischen Vorprodukten auf Basis Seltener Erden ist Österreich auch relativ abhängig von China. Österreichische Unternehmen sind Teil der europäischen Lieferketten im Maschinenbau, in der Elektronik und in der Automobilindustrie. Engpässe könnten deshalb auch hier ganz grundsätzlich gesehen durchschlagen.

Welche Motive verfolgt China mit solchen Kontrollen?
Es geht um Industriepolitik und Geopolitik zugleich. China will seine technologische Vorherrschaft in diesem Bereich sichern und ausbauen. Gleichzeitig dient das Instrument als Druckmittel und Abschreckung gegenüber dem Westen. Die Maßnahmen aus dem Oktober erfolgten vor dem Treffen zwischen Trump und Xi, um Washington unter Druck zu setzen, bei fortschrittlichen KI-Chips und Halbleiterfertigungsanlagen nachzugeben. Dazu kommt, dass Unternehmen bei Lizenzanträgen sensible Daten über Endkunden und technische Spezifikationen übermitteln müssen. Das verschafft China potenzielle Informationsvorteile. Und während Europa um Genehmigungen ringt, beliefert China Russland weiter mit Seltenen Erden. Das zeigt, dass diese Maßnahmen nicht rein wirtschaftlich motiviert sind. Chinas Exportkontrollen können auch als Waffe zur Schwächung westlicher Verteidigungsindustrien verstanden werden.

Niederländer graben britischen Weltkriegs-Bomber aus

Was müsste Europa jetzt tun?
Kurzfristig kommt beispielsweise eine stärkere Nutzung des EU-China-Exportkontrolldialoges in Betracht. Eine Option ist auch wie ein Whitelist-System, das Lizenzen für mehrere Lieferungen identischer Komponenten für dieselbe Anwendung ermöglicht. Mittelfristig braucht es verstärktere Investitionen in Bergbau, Verarbeitung und Recycling in Europa, auch mit staatlicher Unterstützung, etwa in Form von Abnahmegarantien. Auch die Logik der Verteidigungsbeschaffung muss verstärkt Rohstoffe berücksichtigen. Europäische Regierungen könnten Vorschriften zum Recycling oder zur Beschaffung von Seltenen Erden in Verteidigungsbeschaffungsverträgen aufnehmen und so die Nachfrage nach Seltenerdmagneten ankurbeln, die in der Region aus stillgelegten Windkraftanlagen oder aus anderen Quellen als China recycelt werden. Die deutsche staatliche Förderbank KfW stellt etwa seit 2024 vergünstigte Kredite für Bergbau-, Verarbeitungs- und Recyclingprojekte im Inland und Ausland bereit, jedoch ohne Absicherungen wie Preisgarantien.

Die EU sollte ihre bilateralen Rohstoffpartnerschaften ausbauen. Es gibt bisher 14 Abkommen und Memoranden of Understanding, unter anderem mit Argentinien, Ruanda, Kasachstan und Australien. Diese Netzwerke müssen vertieft sowie auch erweitert werden, auch mit Blick auf das Potenzial für Verteidigungsanwendungen in Europa. Langfristig könnte man prüfen, ob Investitionen in Rohstoffketten – Bergbau, Veredelung und Magnetherstellung – unter das NATO-Ziel von 1,5 Prozent für Verteidigungsausgaben fallen können. Rohstoffsouveränität ist Teil militärischer Handlungsfähigkeit.

Wie lange dauert der Aufbau eigener Kapazitäten?
Realistisch fünf bis zehn Jahre. Das betrifft Bergbau, Verarbeitung und Produktion. Das „Weißbuch zur europäischen Verteidigung – Bereitschaft 2030” sieht ebenfalls einen Horizont bis 2030, um wichtige Fähigkeitslücken – wie Luft- und Raketenabwehr, Artilleriesysteme, Munition und Raketen sowie Drohnentechnologien und KI – zu schließen und in diesem Rahmen gemeinsame Rüstungsprojekte voranzutreiben. Ohne gesicherte Rohstoffketten wird dieser Zeitplan schwer einzuhalten sein. Aber man muss sagen: Die Ausgaben in Verteidigung steigen, die EU plant im Rahmen des Programms „ReArm Europe/Readiness 2030” 800 Milliarden Euro in die Verteidigung bereitzustellen beziehungsweise auf nationalstaatlicher Ebene zu aktivieren.

Hier geht es zu weiteren Meldungen rund um die Themen Wirtschaft & Industrie.

Quelle©MERICS; Pixabay