Vier Jahre nach Beginn der Vollinvasion verändert Russland seine Kriegsführung in der Ukraine grundlegend. Wie eine umfassende Datenauswertung ukrainischer Generalstabszahlen zeigt, auf die sich ein aktueller Bericht von Euromaidan Press stützt, setzt Moskau zunehmend auf Drohnen, Gleitbomben und Abnutzung statt auf klassische mechanisierte Großoffensiven.
Das Fazit ist für Europa alarmierend: Während Russlands Fähigkeit zur Kriegsfortsetzung strukturell steigt, nimmt die Zerstörungskraft gegen die Ukraine weiter zu.
Weniger Panzer, mehr Drohnen
In den ersten Kriegsjahren stiegen demnach die Verluste der russischen Streitkräfte massiv an: 106.000 im Jahr 2022, 253.000 im Jahr 2023, 430.000 im Jahr 2024. 2025 gingen die Gesamtverluste dann allerdings erstmals leicht zurück, Prognosen für 2026 deuten auf einen weiteren Rückgang hin.
Der Grund liegt weniger in einem militärischen Erfolg als in einer taktischen Anpassung: Statt groß angelegter, verlustreicher Panzerangriffe setzt Russland verstärkt auf kleine Infiltrationseinheiten, Drohnenschwärme und massive Gleitbombenangriffe.
Mechanisierte Durchbrüche sind angesichts 15 bis 20 Kilometer tiefer „Drohnen-Killzonen” kaum noch möglich. Russische Panzerverluste summieren sich mittlerweile auf über 11.000 Fahrzeuge – in etwa die Gesamtzahl aller Kampfpanzer der NATO-Staaten.
Bundesheer: 473 Millionen für die militärische Infrastruktur
Bemerkenswert: Neu produzierte T-90M-Panzer scheinen nicht primär in die Ukraine zu gehen. Laut westlichen Geheimdienstinformationen werden moderne Fahrzeuge verstärkt dem neu geschaffenen Leningrader Militärbezirk zugeführt – also jenem Verband, der direkt an die NATO-Ostflanke grenzt.
Artillerie bleibt Kern – aber unter Druck
Die russische Militärdoktrin basiert traditionell auf massiver Artillerie. Doch auch hier zeigen sich dem Bericht zufolge strukturelle Verluste. Laut ukrainischen Angaben verlor Russland seit 2022 mehr als 35.000 Artilleriesysteme. Die tägliche Schussrate sank von 40.000 bis 60.000 Granaten im Jahr 2022 auf rund 23.000 im Frühjahr 2025.
Gleichzeitig intensiviert Russland die Produktion und greift verstärkt auf Gleitbomben zurück. Deren Einsatz stieg von einigen Dutzend pro Tag im Jahr 2023 auf über 200 täglich. Für 2026 werden bis zu 68.000 Abwürfe prognostiziert. Neue Varianten erreichen Reichweiten von über 150 Kilometern, perspektivisch sogar 400 Kilometer.
Der Krieg wird zur Drohnenschlacht
Drohnen sind inzwischen das Zentrum der Kriegsführung. An der Front entfallen laut Euromaidan Press mittlerweile rund 60 Prozent der Feuerkraft auf unbemannte Systeme. Russland steigerte demnach den Einsatz von Langstreckendrohnen 2025 auf rund 54.500 – fast das Fünffache des Vorjahres. Für 2026 könnte die Zahl laut Hochrechnungen bei über 100.000 liegen.
Noch dramatischer ist die Entwicklung bei FPV-Drohnen: Anfang 2025 wurden täglich rund 2.300 gezählt, Anfang 2026 bereits nahezu 7.000 pro Tag. Hochgerechnet wären das 2,8 Millionen Systeme in einem Jahr.
Diese Drohnen greifen nicht nur Frontstellungen an, sondern systematisch Logistikachsen, Eisenbahnlinien, Depots und Energieinfrastruktur in der Tiefe des ukrainischen Hinterlandes. Ziel ist die operative Lähmung, nicht nur der taktische Effekt. Russland baut parallel spezialisierte Drohnentruppen massiv aus. Die „Unmanned Systems Forces” umfassen laut Bericht rund 87.000 Soldaten – mit weiteren Brigaden und Divisionen in Planung.
Luft- und Seekrieg: Asymmetrische Verschiebungen
Russland gelang es dem Bericht zufolge nicht, die Lufthoheit über der Ukraine zu erringen. Ukrainische Luftverteidigungssysteme – von Patriot über SAMP/T bis IRIS-T – sowie F-16 und Mirage 2000-5F erschweren Einsätze über ukrainischem Kerngebiet. Deshalb hat Russland seine Luftwaffe auf Distanzwirkung umgestellt: Gleitbomben werden außerhalb vieler Luftverteidigungszonen abgeworfen.
Im Schwarzen Meer erlitt die russische Flotte empfindliche Verluste. Rund ein Drittel der Kampfschiffe wurde beschädigt oder zerstört. Doch Moskau arbeitet an unbemannten Gegenmaßnahmen und neuen See-Drohnen.
Strategische Implikationen für Europa
Der entscheidende Punkt der Euromaidan-Analyse lautet: Russland ersetzt teure schwere Systeme zunehmend durch günstigere, massenhaft produzierbare High-Tech-Drohnen. Der Krieg wird damit finanziell nachhaltiger für Moskau – und zerstörerischer für die Ukraine.
Gleichzeitig deuten Infrastrukturmaßnahmen und Truppenverlegungen im Nordwesten Russlands darauf hin, dass Moskau langfristig auch Szenarien jenseits der Ukraine einkalkuliert.
Für Europa ergibt sich daraus ein strategisches Dilemma: Entweder es verstärkt seine Unterstützung so, dass die Ukraine militärisch stabilisiert wird – insbesondere im Bereich Luftverteidigung und Drohnenabwehr – oder es riskiert, dass Russland nach einem Abnutzungssieg seine militärische Aufmerksamkeit auf die NATO-Ostflanke richtet.
Die zentrale Erkenntnis der Analyse: Russlands Krieg wird nicht schwächer – er wird effizienter. Und Zeit ist ein strategischer Faktor, der nicht zugunsten Europas arbeitet.
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