Die niederländischen Geheimdienste MIVD (Militärischer Nachrichtendienst) und AIVD (Allgemeiner Nachrichtendienst) schlagen Alarm: Russland weitet den Einsatz chemischer Kampfstoffe im Krieg gegen die Ukraine (-> Aktuelle Meldungen aus dem Ukraine-Krieg) deutlich aus – unter anderem mit international geächteten Substanzen wie Chlorpikrin, einer hochgiftigen, bei hoher Konzentration in geschlossenen Räumen tödlichen Substanz.

Der niederländische Verteidigungsminister Ruben Brekelmans informierte heute das Parlament über die jüngsten Erkenntnisse. Bereits zuvor war der Einsatz von Tränengas durch russische Einheiten bekannt. Nun bestätigen MIVD und AIVD – in Zusammenarbeit mit dem deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) – den systematischen Gebrauch stärkerer chemischer Kampfstoffe.

„Das ist eine besonders schwerwiegende Verletzung des Chemiewaffenübereinkommens”, so MIVD-Direktor Vizeadmiral Peter Reesink. „Wir beobachten nicht nur eine Intensivierung, sondern auch eine zunehmende Selbstverständlichkeit im Einsatz solcher Waffen durch russische Kräfte.”

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Laut Brekelmans sei dies eine gefährliche Entwicklung: „Russland geht immer weiter und setzt chemische Waffen systematisch und in substanziellem Umfang ein. Diese Praxis darf keinesfalls zur Normalität werden. Je niedriger die Einsatzschwelle wird, desto gefährlicher ist das – nicht nur für die Ukraine, sondern für ganz Europa und darüber hinaus.”

Er forderte in diesem Zusammenhang härtere Sanktionen, internationale Isolation Moskaus sowie eine unverändert starke militärische Unterstützung der Ukraine.

Über 9.000 Chemiewaffenangriffe – und eine perfide Taktik

Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums haben russische Streitkräfte seit Beginn der großflächigen Invasion im Jahr 2022 über 9.000 Angriffe mit chemischen Substanzen gegen ukrainisches Militärpersonal durchgeführt. Mindestens drei Todesfälle werden direkt auf den Kontakt mit chemischen Stoffen zurückgeführt.

Noch gravierender sei jedoch die indirekte Wirkung: Durch den Einsatz chemischer Mittel würden ukrainische Soldaten gezwungen, ihre Stellungen oder Unterstände zu verlassen – und gerieten dann unter gezieltes Feuer mit konventioneller Munition.

„Vertrauen kann man nicht befehlen – man muss es sich erarbeiten”

Russlands RCB-Truppen als treibende Kraft

Die niederländischen Dienste berichten, dass insbesondere die russischen Radiologischen, Chemischen und Biologischen Verteidigungstruppen (RCB) den Einsatz chemischer Kampfstoffe nicht nur tolerieren, sondern aktiv unterstützen und logistisch absichern. Der Einsatz von Tränengas und Chlorpikrin sei mittlerweile standardisierte Praxisim russischen Vorgehen – und werde vermutlich auch in Zukunft eine reale Bedrohung darstellen.

Zudem investiere Russland massiv in sein chemisches Waffenprogramm. Die Forschung werde ausgebaut, neue Wissenschaftler würden aktiv für das Programm rekrutiert.

Quelle©Dmytro Smolienko/Ukrinform