Europas Staaten investieren so viel in ihre Verteidigung wie seit Jahrzehnten nicht – doch militärische Schlagkraft entsteht daraus nicht automatisch. Davor warnen Experten des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel) und des Brüsseler Thinktanks Bruegel. Ohne mehr Wettbewerb, europäische Sammelbeschaffungen und einen echten Innovationsschub droht die groß angekündigte Aufrüstung den Experten zufolge auf halber Strecke zu verpuffen.
Zahlen steigen, aber nicht schnell genug
Die Forscher stützen sich auf Daten des Kiel Military Procurement Trackers, der die militärischen Beschaffungen und Produktionskapazitäten unter anderem von Deutschland (-> Bundeskanzler Merz will die Investitionen in die Bundeswehr hochfahren), Großbritannien, Polen (-> Polen auf dem Weg zur stärksten Armee Europas) und Frankreich im Zeitraum von 2020 bis 2025 erfasst.
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Zwar ist die europäische Produktion von Artilleriemunition und Haubitzen deutlich gestiegen – zuletzt auf über 400 Haubitzen pro Jahr, verglichen mit nur 168 im Jahr 2022. Auch bei Artilleriegranaten nähern sich die Produktionszahlen dem, was für glaubhafte Abschreckung gegenüber Russland erforderlich wäre.
Doch in anderen Bereichen bleibt Europa den Experten zufolge weit zurück. Die Produktion von Panzern, Schützenpanzern, Raketen und Kampfflugzeugen liegt demnach weiterhin deutlich unter dem erforderlichen Niveau. Um mit der russischen Geschwindigkeit bei der Aufrüstung Schritt zu halten, müsste die Herstellung von Ketten- und Radfahrzeugen etwa sechsmal schnellerwerden, so die Autoren.
Fehlende Koordination, hohe Preise
Ein zentrales Problem: Die Kosten vieler europäischer Waffensysteme sind überdurchschnittlich hoch, die technologische Abhängigkeit von den USA bleibt groß. „Trotz hoher Verteidigungsausgaben kann die Aufrüstung scheitern, wenn die europäische Integration der Rüstungsmärkte nicht vorankommt”, warnt Guntram Wolff, Professor an der Solvay Brussels School und Co-Autor der Studie.
Nur durch gemeinsame Bestellungen beim jeweils effizientesten Anbieter innerhalb Europas könnten Stückkosten gesenkt und die industrielle Produktion beschleunigt werden. Die Öffnung nationaler Märkte würde zudem den Wettbewerb erhöhen – ein entscheidender Hebel, um Beschaffungskosten zu senken.
Innovation als Schlüssel zur Wehrfähigkeit
Neben der Reform des Beschaffungswesens fordern die Experten einen strategischen Technologieschub. Die europäische Verteidigungsindustrie hinkt in zentralen Bereichen wie Drohnen, Raketen, KI und digitaler Kriegsführung hinter den USA, China und Russland her. Ein Grund: Während Europa jährlich rund 13 Milliarden Euro in militärische Forschung und Entwicklung investiert, sind es in den USA rund 125 Milliarden Euro.
Wolff sieht akuten Handlungsbedarf: „Die europäischen Rüstungspläne müssen sich verstärkt auf Technologien konzentrieren, die in der Ukraine (-> Aktuelle Meldungen aus dem Ukraine-Krieg) ihre Effektivität unter Beweis gestellt haben.” Dazu zählen unter anderem unbemannte Systeme, Präzisionsmunition, elektronische Kampfführung sowie militärische Cloud- und KI-Plattformen.
Vorschlag: Europäische DARPA gründen
Ein mögliches Modell ist eine europäische Verteidigungs-Innovationsagentur nach Vorbild der US-amerikanischen DARPA. Sie könnte als Brücke zwischen Rüstungs-Start-ups und Großbeschaffungen fungieren und so den Zugang junger Unternehmen zu Märkten erleichtern. Ziel: Technologie schneller in die Truppe bringen.









