Unsere fünf Fragen gehen diesmal an den israelischen Wissenschaftler Kobi Michael. Wir haben mit dem Experten für Sicherheitsfragen über israelische Geheimdienste gesprochen und wie sie sich von anderen Diensten unterscheiden.

Herr Michael, israelische Geheimdienste zählen zu den besten der Welt. Können Sie uns einen Überblick über die Dienste geben?
Die drei wichtigsten sind der militärische Geheimdienst (Aman), der Inlandsgeheimdienst (Shin Bet) und der Zentrale Nachrichten- und Sicherheitsdienst (Mossad). Wir haben auch eine Nachrichtendienstabteilung im Außenministerium und einen Nachrichtendienst bei der Polizei. Aber diese beiden sind eher nebensächlich, wenn es um die nationale Sicherheit geht. Aman, Shin Bet und Mossad sind untereinander sehr gut koordiniert, sehr erfahren, innovativ und technologisch orientiert. Die Ergebnisse sehen wir in der militärischen Kampagne im Iran oder gegen die Hisbollah und sogar gegen die Hamas. Das heißt nicht, dass die israelischen Geheimdienste keine Fehler begehen. Wir haben am 7. Oktober 2023 ein Versagen der Dienste mit weitreichenden Folgen erlebt.

„Eine existenziellen Bedrohung, die uns zwingt, die Besten zu sein, sonst würde Israel nicht mehr existieren.“

Inwiefern unterscheiden sich israelische Geheimdienste von US-amerikanischen und europäischen?
Zunächst einmal ist es die Erfahrung, wenn es um den Nahen Osten geht. Es gibt keine anderen Dienste, die mit der Region so vertraut sind. Zweitens, wir haben sehr junge Leute in den Geheimdiensten, die einerseits energisch, andererseits sehr innovativ und kreativ sind. Das hat mit der Idee Israels als eine Start-up-Nation zu tun, wo technologische Innovation, Kreativität und Informalität als bedeutend erachtet werden. All diese Merkmale beeinflussen und prägen letztendlich die Kultur der israelischen Geheimdienste. Und dann ist da die Bedrohung unter der wir leben, eine existenziellen Bedrohung, die sich in das kognitive Bewusstsein einschreibt und uns zwingt, die Besten zu sein, sonst würde Israel nicht mehr existieren.

©Militär Aktuell

Lassen Sie uns einen Blick auf die Operation gegen die Hisbollah im Herbst 2024 werfen, bei der große Teile der Führungsrige der Organisation eliminiert wurden. Wie lange bereiten sich die Geheimdienste auf eine solche Operation vor, welche Schritte sind erforderlich und wurden sie von anderen Diensten unterstützt?
Ich denke, dass die Vorbereitungen für diese Operation seit mindestens zwei Jahrzehnten liefen. Es ist wie die Arbeit einer Ameise. Schicht für Schicht werden im Laufe der Jahre Informationen gesammelt und operativen Kapazitäten aufgebaut. Der Shin Bet war nur am Rande beteiligt, hauptsächlich aktiv waren der Mossad und der militärische Geheimdienst. Diese beiden Dienste arbeiten aber nicht allein, sondern kooperieren in großem Umfang mit externen Stellen, die zwar nicht Teil der Nachrichtendienste sind, aber dennoch einen Beitrag leisten können. Von einer Zusammenarbeit mit anderen Geheimdiensten können wir ausgehen, aller Wahrscheinlichkeit nach mit den Amerikanern.

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Der Mossad ist für Operationen bekannt, die auch Sabotage und gezielte Tötungen beinhalten. Gibt es eine formale Aufsicht für solche Aktionen?
Ja, natürlich. Der Chef des Mossad kann nicht allein darüber entscheiden. Die letztendliche Entscheidung liegt bei der Regierung unter Führung des Premierministers, die auch mögliche Konsequenzen einer solchen gezielten Aktion abwägen muss. Die Verantwortung für die potenziellen Folgen liegt immer bei der Regierung. Deshalb untersteht der Leiter des Mossad direkt dem Premierminister.

„Eine Untersuchung der Vorfälle vom 7. Oktober wird erst nach den nächsten Wahlen geschehen.“

Glauben Sie, dass es bald eine Untersuchung der Ereignisse rund um den Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 geben wird?
Bedenkt man die riesige Kluft zwischen den unglaublichen Fähigkeiten der israelischen Geheimdienste einerseits und dem Versagen vom 7. Oktober andererseits, ist die Frustration groß. Das wird uns noch sehr lange begleiten. Ich denke aber, dass eine Untersuchung der Vorfälle vom 7. Oktober erst nach den nächsten Wahlen geschehen wird.

Hier geht es zu den anderen Beiträgen unserer Serie „5 Fragen an” und hier zu einem weiteren Beitrag zum Thema: Gershon Baskin über den Krieg in Gaza.

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