Militär Aktuell hat in den vergangenen Monaten mehrfach aufgezeigt, wie stark das Konzept der „Loyal Wingmen” – in den USA als Collaborative Combat Aircraft (CCA) bezeichnet – inzwischen zum Kern künftiger Philosophien im Luftkrieg geworden ist. Nahezu alle großen Hersteller integrieren das Thema mittlerweile fest in ihre Programme – und auch Österreich wird sich im kommenden Jahr mit entsprechenden Angeboten befassen müssen, wenn es um die Eurofighter-Nachfolge geht.
Beispiele dafür gibt es reichlich: Lockheed Martin präsentierte auf der „DroneVation & Defence” von Militär Aktuell in Wien den Vectis, General Atomics (GA-ASI) stellte jüngst eine europäische Variante seines CCA Gambit vor, und die Niederlande traten dem US-CCA-Programm bei. Zudem skizzierte Luftfahrtexperte Justin Bronk vom Londoner RUSI-Institut gegenüber unserer Redaktion die strategische Dimension dieses Trends.

Seitdem hat sich der Wettlauf um die Weiterentwicklung von CCAs weiter beschleunigt – sichtbar insbesondere an den jüngsten Luft-Luft-Waffentests von Boeing und Baykar. Boeing hatte bereits im Frühjahr angekündigt, die von der Royal Australian Air Force gemeinsam entwickelte MQ-28A Ghost Bat erstmals als Träger einer Luft-Luft-Rakete einzusetzen. Am 8. Dezember gelang nun dieser Meilenstein: Eine unbemannte MQ-28A zerstörte ein Luftziel mittels AIM-120 AMRAAM. Boeing und RAAF informierten anschließend detailliert über den erreichten autonomen Fortschritt – inklusive der Steuerung eines CCA vom Rücksitz einer F-15EX aus.
Die ersten waren jedoch die Türken
Boeing wurde allerdings um wenige Tage vom aufstrebenden türkischen Drohnenspezialisten Baykar überholt: Bereits am 28. November gelang es, mit dem UCAV Kizilelma eine F-16 zu simulieren und ein Ziel mittels der BVR-Rakete Gökdoğan des Forschungsinstituts Tübitak-Sage erfolgreich zu bekämpfen – ebenfalls jenseits der Sichtweite. Ob Baykar seinen Testplan beschleunigt hat, um Boeing zuvorzukommen, bleibt Spekulation. Klar ist aber: Der Markt für CCAs wird zunehmend kompetitiver. Unternehmen wie Anduril Industries mit dem Design YFQ-44A Fury oder General Atomics mit dem in Dubai präsentierten YFQ-42A rechnen bereits mit US-Losgrößen von jeweils bis zu 1.000 Systemen.

Auch Schweden treibt Überlegungen zu einem umfassenden „System-of-Systems”-Ansatz voran, der bemannte und unbemannte Plattformen kombiniert. Vorgesehen sind mehrere staatlich vorfinanzierte Technologien und Demonstratoren – darunter unbemannte Unterschall- und Überschall-Stealth-Plattformen sowie eine kostengünstige Tarnkappendrohne unter einer Tonne. Diese Systeme sollen perspektivisch auch gemeinsam mit der Saab Gripen-E-Flotte und darüber hinaus in einem möglichen Nachfolgesystem (-> Saab und Schweden intensivieren die Entwicklung eines Kampfjet-Demonstrators der 6. Generation) operieren.
Korea, Emirate, Russland, China
Auch in anderen Staaten ist die Dynamik mit Blick auf Loyal Wingman beziehungsweise CCA enorm. So stellte kürzlich Korea Aerospace Industries auf einer Messe in Seoul seine CCA-Konzepte vor. In Dubai präsentierte Edge aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ein maßstabsgetreues Modell des Projekts Jeniah – eine Plattform an der Grenze zwischen klassischem „Flügelmann” und autonomem UCAV. Ähnliches gilt für das unbemannte Derivat des russischen Su-75 Checkmate, dessen bemannter Erstflug laut Rostec 2026 erfolgen soll. China wiederum zeigte am 3. September 2025 erstmals gleich vier bis fünf UCAV-Designs (vorläufig Typen A bis E), die klar in die Wingman- und CCA-Kategorie fallen – ein deutliches Signal, dass Peking aktiv an der nächsten Generation der Luftkriegsführung arbeitet.

In Summe markiert die wachsende Verbreitung von CCAs – trotz vieler noch konzeptioneller Entwürfe – den Beginn einer neuen Entwicklungsphase, die an die rasanten Innovationszyklen der frühen Militärluftfahrt erinnert. Ihr Aufstieg wird durch sinkende Kosten für Rechenleistung und Sensorik sowie durch massive Fortschritte in der künstlichen Intelligenz vorangetrieben. KI soll es CCAs ermöglichen, weitgehend autonom zu operieren, Entscheidungen – vom Waffeneinsatz bis zur elektronischen Kampfführung – vorzubereiten und menschliche Besatzungen beim Durchbrechen gegnerischer Luftverteidigungen zu unterstützen.
Aber können sie auch „kämpfen“?
Die jüngsten Tests beweisen, dass unbemannte Kampfflugzeuge Luftziele treffen können – und somit die Rolle der Vorhut oder Wirkungsverstärkung auch über weite Distanzen übernehmen dürften, insbesondere gegen hochwertige Ziele wie Tanker oder AWACS. In Pilotenkreisen herrschen jedoch weiterhin Zweifel, ob CCAs gegen manövrierfähige Gegner oder erfahrene Piloten bestehen können, die sich aktiv entziehen und im Verbund frühzeitig gewarnt werden.
Doch auch hierfür gibt es inzwischen belastbare Erkenntnisse: Im Rahmen des DARPA-Programms Air Combat Evolution (ACE) trat 2023/24 eine KI in der modifizierten X-62A VISTA (einer F-16-ähnlichen Testplattform) gegen erfahrene Piloten an. Die KI agierte autonom, während ein menschlicher Sicherheitspilot an Bord blieb – und gewann mehrere Dogfight-Szenarien. Ziel der Tests war vor allem, die Fähigkeit von KI-Agenten zur sicheren und vertrauenswürdigen Autonomie („trusted autonomy”) innerhalb visueller Reichweite zu demonstrieren.

Das ist (noch) nicht „die“ Zukunft
DARPA selbst betont, dass es sich um einen „Proof of Concept” handelt – nicht um einen Nachweis umfassender KI-Überlegenheit. Die Erkenntnisse fließen jedoch in die Entwicklung künftiger autonomer Kampfdrohnen und KI-Assistenzsysteme ein. Realistische Luftgefechte der Zukunft werden zudem stark von Sensorik, Teamtaktik und elektronischer Kampfführung geprägt sein – meist auf große Entfernungen und weit über klassische Dogfight-Manöver hinaus.
Ähnlich äußert sich Saab-Testpilot und ESA-Astronaut Marcus Wandt (-> Marcus Wandt wurde kürzlich neuer Saab Vice President): Obwohl er den „AI-Gripen” zeitweise nahezu „hands off” fliegen ließ, werde auch künftig ein Pilot an Bord bleiben, um die KI zu überwachen und bei Bedarf einzugreifen. Beim jüngsten Test mit der Helsing-Software Centaur simulierte ein Gripen-E einen Luftkampf gegen einen Gripen-D. Centaur verarbeitete kontinuierlich Echtzeitdaten zur Zielerkennung, Verfolgung und Bekämpfung – und gab Feuerbefehle bzw. Vorschläge ab. Wandts Fazit: „Nicht schlecht.“ Dennoch handle es sich um erste Annäherungen – Piloten würden nicht plötzlich überflüssig. Die gewonnenen Erkenntnisse jedoch werden in unbemannte CCA-Systeme und schwedische Konzepte der 6. Generation einfließen.









