Nach der Ratifizierung eines 39-seitigen Memorandums of Understanding im April kommen die Niederlande und Österreich bei der geplanten gemeinsamen Beschaffung ihrer C-390M-Transportflugzeuge des brasilianischen Herstellers Embraer weiter gut vorn. Im niederländischen Bundestag soll die Beschaffung heute Donnerstag sogar bereits final abgesegnet werden.

D-Brief an den niederländischen Bundesrat – ©Niederlande MoD

Um die seitens des Herstellers gebotene Anbotsfrist bis 31. Juli und die darauf basierenden reservierten Produktionsslots für die gewünschten insgesamt neun zweistrahligen Hochdecker zu halten, hat der stellvertretende Verteidigungsminister Christophe van der Maat bereits am 30. Mai in einem sogenannten D-Brief an das Repräsentantenhaus (genau die „Tweede Kammer”, der Bundesrat) das Parlament formell um Kaufzustimmung gebeten. Diese soll dem Vernehmen nach am morgigen 13. Juni als eine der ersten Handlungen der neuen Regierungskoalition erfolgen, zumindest rechnet man – wie Militär Aktuell recherchierte – in den Niederlanden und auch beim Hersteller mit keinen Verzögerungen mehr.

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In dem Militär Aktuell vorliegenden Schreiben werden wichtige Punkte zusammengefasst: Demnach plant die „Defensie” (so wird in den Niederlanden das Ministerium genannt) die Bnschaffung der taktische Lufttransportkapazitäten, um Personal weltweit schnell einsetzen und evakuieren zu können. Dies setze demnach voraus, dass diese Kapazitäten mit ausreichender Ladekapazität auch von unvorbereiteten Flugplätzen aus zum Einsatz gebracht werden können, dass damit schwer verletzte Personen transportiert werden können und dass das Luftransportsystem über Selbstschutzausrüstung verfügt und an informationsgesteuerten Operationen teilnehmen kann. Der jährliche Bedarf beträgt demnach 4.000 Flottenflugstunden.

Black Hawk-Verladung in C-390M-Transportflugzeug – ©Embraer
Vielseitig einsetzbar: Mit der C-390M lassen sich auch ganze Black Hawk-Helikopter transportieren.

Zusätzlich zu den fünf Maschinen (die RNALF nennt sie ob ihrer Vielseitigkeit MC-390) beschaffen die Niederländer dem Schreiben zufolge auch zwei Simulatoren, einen Full-Flight-Simulator und einen Load-Master-Trainer. Beim Bundesheer laufen laut Militär Aktuell-Informationen dahingehend noch finale Diskussionen.

Insgesamt beabsichtigen die Niederländer gemeinsam mit Österreich neun C-390M-Flugzeuge zu kaufen; fünf für die Niederlande und vier für  Österreich. Österreich hat sich an die festgelegte Konfiguration des Flugzeugs und an die niederländischen  Vertragsbedingungen gehalten. Beide  Länder werden auch der C-390M-Benutzergruppe beitreten.

C-390M-Fertigung in Brasilien – ©Georg Mader
Embraer hat für die C-390M in Brasilien eine hochmoderne Fertigungsstraße aufgebaut. Sollten weitere größere Aufträge an Land gezogen werden, plant der Hersteller auch die Etablierung einer weiteren Fertigungsstätte im Ausland.

Wichtige Erklärungen:

  • Die Angebotsfrist für den Hauptvertrag mit Embraer endet dem Schreiben zufolge mit Ende Juli. Das Repräsentantenhaus wird daher gebeten, sich später nicht mehr mit diesem D-Brief zu befassen, um mögliche Preiserhöhungen und Verzögerungen im Lieferplan zu verhindern.
  • Die Verteidigung kauft das C-390M-Flugzeug von Embraer über einen Beschaffungsprozess aus einer Hand.
  • Das Ministerium für Wirtschaft und Klima hat Vereinbarungen über die Beteiligung der Industrie an diesem  Projekt getroffen. Embraer bindet daher verschiedene niederländische Unternehmen und Wissensinstitutionen in ihre Lieferketten ein oder führt mit ihnen Entwicklungsprojekte durch, darunter die Fokker Services Group (FSG), multiSIM BV, TNO und das Royal Netherlands Aerospace Centre (NLR).
  • Zusätzlich zum Vertrag mit Embraer über den Kauf und die Wartung der Flugzeuge beabsichtigen die Niederländer eine Reihe kleinerer Verträge abzuschließen. Zum Beispiel mit ELBIT in Zusammenarbeit mit Embraer über die benötigten Selbstschutzsysteme.
Ungarische C-390M – ©Honvédelmi Minisztérium
Ungarn hat insgesamt zwei C-390M bestellt, die erste Maschine wurde kürzlich einige Wochen lang in Ungarn auf NATO-Standard ausgerüstet.

Finanzielle Faktoren

Das den Verteidigungshaushalt belastende Budget für das Projekt „Ersatz taktischer Lufttransportkapazitäten” beträgt dem Schreiben zufolge 1,703 Milliarden Euro (Preisniveau 2024), inklusive Mehrwertsteuer, Risikovorbehalt und Verwertung für alle neun Maschinen. Der Stückpreis pro Maschine ergibt sich allerdings nicht durch eine einfache Division durch neun, liegen den Kalkulationen laut Hersteller Embraer doch unterschiedliche Steuern, Zeitleisten und Rahmenbedingungen zugrunde.

Soweit die Niederländer, von deren Konfiguration sich die vier österreichischen Maschinen laut unserer Offiziere „nur durch das Hoheitszeichen unterscheiden werden”. Es wird aber trotzdem – noch genau zu finalisierende – nationale Ausstattungs- beziehungsweise Ausrüstungsunterschiede geben. So hieß es dieser Tage gegenüber dem Autor, dass Österreich – zumindest in der nahen bis mittleren Zukunft – keine Schlauchtrommelbehälter zur aktiven Luftbetankung kaufen werde (obwohl das Flugzeug das kann), da dies in den ursprünglichen Planungsdokumenten als zumindest anfängliche Rolle nicht angeführt war. Später könnten jene – sie werden wohl von Cobham beziehungsweise Sargent Fletcher stammen – aber bei Bedarf jederzeit nachbeschafft werden.

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Was man heimischerseits aber offenbar haben will, ist die Feuerlöschausrüstung aus den beiden Seitentüren und den optional zurüstbaren Treibstofftank in der Kabine. Hier wird Embraer für die Militär Aktuell-Leser noch die Details einholen. Frage ist, ob diese COTS-Teile mit Embraer oder dem US-Hersteller kontraktiert werden müssen.

Was jedenfalls von allen Seiten bestätigt wurde ist, dass die finalen tri-nationalen Unterschriften der beiden militärischen Neukunden und dem Hersteller – nach heutigem Planungsstand – am ersten Tag der kommenden FIA-Airshow im britischen Farnborough erfolgen sollen.

C-390M-Simualtor – ©Embraer

Simulator-Zusammenarbeit

Gleichzeitig gaben Embraer und der deutsche Rheinmetall-Konzern kürzlich bekannt, dass sie Gespräche vertiefen, um ihr Trainings- und Simulationsnetzwerk um Fähigkeiten für die C-390M zu erweitern. Ein Simulator steht einstweilen in Brasilien und ein weiterer in Portugal. Im Hinblick auf die erweiterte Kundenbasis durch Ungarn, die Niederlande, Österreich und Tschechien soll das Segment nun erweitert werden.

Quelle©Niederlande MoD, Honvédelmi Minisztérium, Embraer